Denklinge

Hexenkopf von August Natterer, ca. 1915 (via Wikimedia Commons)

Hexenkopf von August Natterer, ca. 1915 (via Wikimedia Commons)

Das Leben, wie alles es denkt, ist die perfekte Form für das Leben. Jedes Denken ahmt von selbst diese Form nach. Und Kunst, ja Leben – ist die Behauptung einer Form, könnte alles denken, sofern es ein später gibt, in dem sich dieses Leben Gedanken macht. Doch das Leben fühlt nur die Form selbst. Und da sind sie, die wertvollen Seltsamkeiten, die sich für Denkende niemals haben.

Denklinge von Stefan Leising gibt es auch im PDF-Format.

Denklinge

Einstmals wie immer, als man die Zeit an Zuckertürmen messen konnte, weit entfernt auf einem anderen Kontinent, biss ein fünfjähriger Bub eines Morgens in einen Apfel. Die Nacht zuvor lauschte er seinen Eltern und verstand, dass ihnen allen eine beschwerliche Reise bevor stehen würde. Der Junge knabberte den ganzen Morgen über an dieser kleinen glänzenden Frucht und als es dann soweit war, steckte er den Butzen in seine Hosentasche. Die folgenden Monate waren geprägt von stundenlangen Fußmärschen und von der ständigen Suche nach Trinkwasser. Den Apfelbutzen vergaß der Junge völlig. Und schon nach ein paar Wochen begannen die Kerne im gärenden Fruchtfleisch zu keimen. Ohne es zu ahnen, hatte der Bub mehrere blinde Passagiere in der Hosentasche, von denen letztlich nur einer überlebte.

Dieser Keimling entwickelte sich prächtig. Ihm gelang es, durch ein winziges Hosenloch, von der Sonne zu naschen. Während der Überquerung des großen Wassers fielen ihm durch Druck und Stoß sämtliche Kleider vom Leib. Dies förderte sein Wachstum, und schnell wurde er kräftig und zäh. Mit dem Jungen durchquerte er viele Länder, ständig Ausschau haltend nach einem fruchtbaren Boden, über dem er sich dann abseilen würde. Er war bereit wurzeln zu schlagen und fühlte sich im Mutterleib eingeengt. Eines Tages überschlugen sich die Ereignisse.

Ohne sein Zutun plumpste er durch das ausgeleierte Loch im Hosensack und landete auf weichem nassen Untergrund. Jahre gingen ins Land. Der kleine Keimling hatte sich hervorragend eingelebt und wuchs zu einem gesunden Bäumchen heran. Er war froh, seine Wurzeln weit ausstrecken zu dürfen. Zudem bot die Erde ausreichend Nährstoffe für alle Lebewesen. Die Sommermonate zeigten sich perfekt, und die Winter wurden nie besonders kalt. Er war in Mitteleuropa angekommen, seiner neuen Heimat. Nun wollte er selbst für Nachwuchs sorgen. Mit dem Läuten der Zugvögel erwachte auch das Bäumchen aus seinem langen Winterschlaf. Die ersten Blüten zeigten sich, und aus diesen kamen kleine Schwellungen hervor. Man konnte jetzt schon erahnen, wie seine reifen Äpfel einmal aussehen würden. Stolz reckte er jeden Morgen die Arme in die Sonne, um seinen Kleinen das Wachstum zu ermöglichen. Im Spätherbst gingen sie dann zu Boden. Sie träumten davon, sich im darauf folgenden Jahr eigenständig um ihn herum versammeln zu dürfen. Den einheimischen Äpfeln kam das gar nicht recht. Sie fürchteten um ihre Existenz und beschlossen kurzerhand, dem fremden Bäumchen den Kampf anzusagen, denn es wäre nicht sein Boden; nicht sein Platz an ihrer Sonne und die tief-rote Schale, passe sowieso nicht hier her. Das junge Apfelbäumchen hatte so eine harte Reise hinter sich, dass es nicht einsah, klein beizugeben. Es war auf Krawall gebürstet und begann zu streiken.

Zu dem hiesigen Obst zählten auch die Nüsse, die sich stets für das Denken verantwortlich fühlten. Die Walnüsse zum Beispiel, leiteten den allseits belächelten Denker-Club, der damals fast täglich tagte. Nach unzähligen Sitzungen kamen sie zu dem Entschluss, dem fremden Bäumchen eine vorläufige Duldung zu gewähren. Mehr oder weniger stimmten auch die alten Äpfel ein. Man mag meinen, alles wäre wieder gut, doch als im Frühling seine jungen Bäumchen aus der Erde schnellten, war es den Autochthonen endgültig zuviel. Von da ab herrschte Krieg.

Die ältesten Äpfel nämlich, sahen diese Anhöhe von jeher als ihr Eigen an. Deswegen verbündeten sie sich, mit den unter der Erde lebenden Pilzen, ohne dies vorher groß zu kommunizieren. Die Pilze konnten durch Stimulation einzelner Wurzeln ausgesuchte Äste eines Baumes zu überdurchschnittlich langem und schnellem Wachstum verhelfen. So geschah es, und der Nachwuchs des fremden Bäumchens verkümmerte an mangelnder Sonnenabsorption. Die Nüsse erfuhren von dieser Aktion erst, als es bereits zu spät war. Denn die alten Äpfel sahen keinen Anlass, die Nüsse darüber zu informieren, zumal sie selbst nicht zu denken hätten.

Im Laufe der nächsten Jahre kehrte wieder Frieden ein und die Nüsse hatten ausreichend Bedarf, das Erlebte bis ins Detail tot zu diskutieren. Schlussendlich erkannten sie ihre Abhängigkeit von der Willkür der Äpfel und beschlossen selbst zu expandieren. In einer Nacht- und Nebelaktion besuchte der Ältestenrat der Nüsse die Führer der Eichhörnchen, mit dem Ziel, das Nussterritorium innerhalb von drei Jahren auf ein Mehrfaches auszudehnen, womit sie in der Lage wären, den Hang unter ihren Vorstellungen intellektuell zu gestalten. Die Eichhörnchen erklärten sich damit einverstanden, denn sie profitierten sowieso davon. Von nun an ging es den Äpfeln an den Kragen. Selbst das Bündnis mit den Pilzen half nicht, die Flut an kleinen Nussbäumchen zurück zu drängen, und schon nach wenigen Jahren bevölkerten diese die ganze Kuppe.

Den vergreisten Äpfeln blieben nur noch die ausgelutschten Nährstoffe, die sie aus dem Boden recyceln durften, übrig. Folglich stieg der Nachwuchs der Eichhörnchen auch rasant in die Höhe, so dass der Bedarf an Nüssen stetig wuchs. Die Goldgräberstimmung war schon längst verpufft.

Trotzdem hielten es die Eichhörnchen nicht mehr für notwendig, ihr Futter zu vergraben, was den Nüssen sauer aufstieß. Davon bekamen die Äpfel Wind und versuchten, mit einer verzweifelten letzten Unternehmung, die Eichhörnchen und die Nüsse gegeneinander auszuspielen. Sie verbreiteten das Gerücht, dass das Nussregime einen Vernichtungsschlag gegen die Eichhörnchen plant, und die Pilze jetzt auf Seiten der Nüsse kämpften. Ihr Vorhaben sei gewesen, mit Hilfe der Pilze, den Wasserhaushalt in den Ästen der Nussbäume mindestens zu verdoppeln, um dadurch einen giftigen geschmacksneutralen Pilzableger in den Früchten anzusiedeln. Damit sollte den Eichhörnchen ein Denkzettel verpasst werden, denn immerhin wären sie es gewesen, die den Nüssen die Nachkommenschaft verwährt hätten. Diese Nachricht erschütterte natürlich alle Katteker, deswegen nahmen sie geschwind Kontakt zu einer Horde streunender Biber auf und führten diese dann eines Nachts, auf Zehenspitzen gehend, diskret zu dieser Anhöhe hin. Die Nüsse waren völlig ahnungslos, denn niemand von ihnen zweifelte an der Überlegenheit des eigenen Verstandes, so dass ihn auch keiner mehr benützte.

Habt Dank, sprachen die Biber und machten sich an die Arbeit. Der Plan ging auf, und schon nach wenigen Monaten war das Gleichgewicht zwischen den Äpfeln und den Nüssen wieder hergestellt. Den Pilzen reichte es schon lange, daher zogen sie sich, auch aus Erfurcht dem Gesprochenen gegenüber, noch tiefer ins Dunkelreich zurück. Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch keines der Eichhörnchen, welche Folgen ihr Handeln mit sich bringen würde. Sie verließen sich auf die Demut der Biber, doch die Biber waren Biber und dachten nie. Und als es ihnen dämmerte, dass sie von den Äpfeln missbraucht-, und von den Bibern zum Narren gehalten wurden, befanden sie sich bereits in einer ziemlichen Schräglage, denn jetzt fehlte ihnen Nahrung und Schutz zugleich.

Jede Nacht zockelten duzende Biber auf den Hügel um zu knabbern. – Die Zeit der Biber war gekommen.

Durch das Überangebot an Leckereien begannen die instinktgesteuerten, nicht denkenden Biber urplötzlich ihr Gehirn zu benützen und zu reflektieren. Sie stellten Wachpersonal ab, um ihrem gefährlichsten Feind, dem Menschen, immer einen Schritt voraus zu sein. Anfangs funktionierte es ganz gut, doch als die vermeintlich Dümmsten dieser Horde, die stets an vorderster Front lauerten, merkten, dass sie der Gruppe und nicht ihrem Individuum dienten, und daraus nur Nachteile erfuhren, mehr Rechte einforderten und ganz plötzlich sich ihrem starken Ego bewusst wurden, war niemand mehr für einander verantwortlich.

So schluderte sich das Dasein der Biber ins Verderben.

Zu spät erkannten sie die Absicht der Menschen und wurden, bis auf ein paar Wenige, im bauchigen Kupferkessel weich gekocht. Nun war alles so wie immer: Es gab ein paar Äpfel, wenige Nussbäume, und die Eichhörnchen und Biber zogen mit ihren Erfahrungen in andere Gebiete weiter.

Schon logisch, dass es den Pilzen am Arsch vorbei ging, denn sie ahnten bereits was überirdisch gelaufen war. Das anfangs fremde Apfelbäumchen hatte sich im Laufe der Zeit, durch das gemeinsame Feindbild, den einheimischen Äpfeln sehr gut angepasst und gehörte jetzt quasi dazu. Von nun an begnügten sich alle mit dem Nötigsten, was schon immer gänzlich gereicht hätte. Niemand sprach es aus, doch die Bäume merkten wie sehr sie der Verstand hinters Licht geführt hatte. Die Äpfel wünschten sich endlich Ruhe und der Denker-Club wurde aufgelöst. Ja, selbst das Bergvolk beschränkte sich wieder auf Ackerbau und Viehzucht, hatte es doch zahllos gewildert.

Jahre verstrichen und rundum diesen Flecken Erde gab es nichts dazu zu fehlen, bis eines Morgens im November große Männer übers Land kamen. Der erste Schnee fiel bereits vor Tagen; traurige Ideen kostbarer Einsamkeit verzierten das schlafende Sonnenlicht und der Nebel tat sein übriges, die Gemütslage unbunt zu gestalten. Die blonden Riesen überraschten die Menschen im Schlaf, so dass es unweigerlich zum Kampf kam. Selbst die bestialischsten Gauner standen diesen Ungetümen früherer Zeiten ohnmächtig entgegen. Von ihrer kleinen Sippe überlebten wenige junge Frauen, die von den Eroberern zuerst versklavt, anschließend bemannt wurden.

Einigen wenigen gelang die Flucht, manch anderen bog die Angst ein tiefes Loch in den Wahrnehmungsautomaten, wodurch ihre Emotionalität nachhaltig gestört wurde. Infolgedessen biederten sie sich den neuen Herren auch bereitwillig an und ließen deren räuberische Geilheit halb wohlwollend über sich ergehen.

Sehr schnell sprach sich herum, dass die Kerle bereits das ganze Gebiet entmachtet hatten. Von Titanen, gar von Kreaturen war die Rede. Hungersnöte durchzogen das Land, und den Gesichtern war die seelische Verwahrlosung deutlich abzulesen. Damit einher ging ihr Glaube, nun der Strafe Gottes ausgesetzt zu sein. Plötzlich fühlten sich alle zu dringender Panik genötigt. Andererseits hatten sie auch keine Zeit Vergangenem nachzuhängen, denn parallel schlich sich eine seltsame Krankheit von Dorf zu Dorf.

Anfangs traf es die Ältesten und Schwächsten, dann alle anderen. Reihenweise brach das Blut aus ihren Kehlen. Unter diesem brausenden Schwindel kratzten sie sich gegenseitig ihre sündige Haut vom Leib. Der letzte Rest ihres Verstandes rotierte um ihren Glauben. – Nämlich sie alleine wären Schuld an ihrem Schicksal, und nur durch Buße sei ein Überleben möglich. Hätte sich das Obst damals zum denken entschieden, wäre Mitteleuropa, in den darauf folgenden Jahrhunderten, zu so etwas wie dem Alten Land geworden, denn weite Gebiete waren buchstäblich ausgestorben.

Eine Legende besagt, es seien Wilde gewesen, die hinter des Rätsels Lösung kamen. – Zwillinge, deren Mutter sie dem Wald überlies, sollen von einem Rudel Wölfe gefunden und aufgezogen worden sein. Es heißt, als die Wölfe verstarben und die Zwillinge an sich groß und stark, wären ihnen ihre dahinsiechenden Artgenossen begegnet. Sie hätten den beiden Mädchen ihre Gottlosigkeit abgeschnuppert und schmerzhaft feststellen müssen, dass dadurch alle Vorsehungen und Vergeltungsängste plötzlich anders boshaft wirkten. Diese Erkenntnis soll sich in Windeseile verbreitet haben, getreu einem allgemeinen Resonanzphänomen, dessen Inhalt von allen Gehirnen auf dem schnellsten Wege heruntergeladen wird. Und eben noch, hätte die zufällige Begegnung diese Menschen gerettet.

Nach der peinlichen Umgestaltung ihrer Seelen, möchte man meinen, nur noch schlimme Gefühle bliesen über ihre ironischen Abbilder einer Persönlichkeit. – Was für ein entsetzliches Vorurteil, denn es wird durchaus erzählt, dass die frisch Erleuchteten den Zufall ziemlich rasch uminterpretierten und fast gleichzeitig wieder bei einem Erlöser landeten. Seither erzählen Generationen von Eltern ihren Kindern die Geschichte von den Zwillingen, von den Wolfskindern aus dem Wald. Und wie es oftmals ist, bleibt am Ende nicht mehr viel von dem übrig, wie es sich zugetragen haben kann. In Wirklichkeit war es nämlich so:

Als die Mutter der Zwillinge sich dazu entschloss, ihre beiden Töchter auszusetzen, wusste sie nicht mehr wohin und warum eigentlich. Nur dieses eine Glimmen lies sie verstehen, die Kinder bloß weit wegzubringen. Tagsüber brach sie auf.

Mit schweigender Kehle schleppte sie sich Meter für Meter von der Zivilisation fort. Schon bald lenkte der Wind ihren Bauernkittel, in dem das Wesen der Mutter langsam bröckelte, zum Ende ihres ewig langen Tages hin. Wissentlich jetzt sterben zu müssen, verzurrte sie die Kinder in Stroh und drückte die kleinen Köpfe gegen ihre Knochen, die sich bereits unter dem Leinen abzeichneten. Dann war sie tot.

Die Zwillinge weinten, denn die Mutter spuckte nicht mehr. Hörte eines der Mädchen zu weinen auf, weinte das andere dort weiter, wo sich die Schwester vorher verschluckte. Das kam den Wölfen bekannt vor. Diese hatten sich mit Einbruch der Dunkelheit hinter einem entwurzelten Baum gesammelt, um die vertrauten Geräusche zu enträtseln. Da waren sie also, und dort deckten sie sich das erste Mal vor den Schergen der Unablässigkeit. Vom Mondlicht bespritzt, fühlten und atmeten alle gleich. Malerisch seien diese Stunden gewesen. Und kalt. Mutters Faserwickel wärmte ein wenig, konnte das Erfrieren der Mädchen aber nur in die Länge ziehen.

Doch ganz tief nachts dann, schnappte ein rosaroter warmer Mund, so ellenlang sein Schatten; an Tränen gut und reich, behutsam nach dem Bündel Kinder und nahm sie endlich mit nach Hause. Ab hier war wieder alles gut, und für ein gesundes Rudel gehörte es sich genau so. Die Mädchen lernten exakt dasselbe, wie es auch den Welpen beigebracht worden wäre. Einzig und allein ihr aufrechter Gang war für die Wölfe wirklich gewöhnungsbedürftig, verriet er sie doch während der Pirsch. Andererseits schien es auch von Vorteil, dem fliehenden Vieh auf die Bäume folgen zu können. So entwickelte sich im Laufe der Jahre eine ergebene Symbiose, deren Einzigartigkeit seines Gleichen suchte. Man kann sich sicher denken, dass sie bei den anderen Rudeln schon ein bisschen komisch rüber kamen, jedoch bis auf eine unnütze Aktion, zweifelte keines niemals an ihrer Marke.

Nur einmal eben lockten ein paar Halbstarke einer anderen Wolfsgruppe die zwei Mädchen an, indem sie ihnen ein wundes Rehkitz, fast direkt unter die Nase schoben, sich selbst aber versteckten. Der Geruchssinn der Mädchen war natürlich nicht halb so ausgeprägt wie dieser der Wölfe, daher konnten sie das junge Gemüse in der Deckung nicht erahnen. Sobald sich die Zwillinge, die meistens zu zweit unterwegs waren, dem Fleisch genähert hatten, flitzten die Jungs mit fletschenden Zähnen, aber auch einem leichten Grinsen im Bart, zu den Mädels, um sie zu verscheuchen. Fruchteten diese Gebärden, zogen sie wieder völlig desinteressiert von dannen, so als ging es gar nicht um das Fleisch und im Grunde wäre alles nur einer akuten Langeweile geschuldet gewesen. Aber gleich hinter dem nächsten Hügel schmissen sich die Burschen abermals zu Boden und warteten gespannt auf das heranrückende Duo, um ihr sonderbares Kräftemessen zu wiederholen.

Es brauchte nicht sehr lange, bis sich das Blatt wendete. Die Mädchen hatten die Wölfe sofort durchschaut. Jetzt drehten sie den Spieß um. Diesmal schlich sich nur eine an das Fleisch, während die andere in Deckung blieb.

Wie gewohnt jubelten die Jungs hinter dem Hügel hervor und sprinteten planlos hinter einer her, ohne zu bemerken, dass das zweite Wolfsmädchen sich bereits leise das Rehkitz unter den Nagel gerissen hatte. Hektisch umherschwänzelnd und fast wiehernd vor lachen, stolperten die Burschen wieder zurück zur Ausgangsposition, wobei ihnen endlich ihre Dummheit begegnete. Von da an waren die Verhältnisse geklärt, zumindest was den gegenseitigen Respekt betraf.

Doch binnen weniger Jahre waren die beiden Mädels zu jungen Frauen herangewachsen, die nun immer weniger mit den gealterten Wölfen anfangen konnten und sich auch inmitten des Waldes nicht mehr wohl fühlten.

Und als die letzten Tiere dieses Rudels der bevorstehenden Abwanderung ins Auge sahen, zeichnete sich ihr vorzeitiges Ende bereits ab.

Und haargenau so hatte es sich abgespielt, dass die beiden in den Genuss kamen, weite Teile der Menschheit vor dem sicheren Tod zu bewahren. Das nahmen sie auch so hin. Jedoch im Unterbewusstsein keimte ein neues Gefühl heran, ob dies für sie nun eine tief greifende Bedeutung haben müsste. – Doch welches Lied sollten sie auch schon in diesem Vakuum anstimmen können? Waren sie doch mehr Wolf als Mensch. Viel konnten sie nicht tun. Sie zeigten offen ihre Schwächen und achteten aufeinander. Selbst merkten sie das gar nicht, denn sie fühlten fremd und hingen noch lange Zeit ihren wuscheligen treuen Kameraden hinterher. Von den Menschen wurden sie zwar stets verhätschelt und hofiert, konnten dem aber keine Bedeutung beimessen, dachten sie doch in der Gruppe. Noch ihr restliches Leben hatten sie mit ihrem inneren Uneins zu kämpfen, das sich auch dem Ende hin äußerlich bemerkbar machte.

Viel zu früh verabschiedeten sich die Zwillinge mit einem tief traurigen Heimweh-Gesicht von dieser Erde. Ihnen fehlte definitiv ein Schlupfloch, ein unentdeckbares Versteck, um sich von dem neuen oben und unten aufwärmen zu können. Denn sie froren viel, und der frisch gesponnene Filter hinderte sie daran, sich von dieser Schärfe frei zu machen.

In den Dörfern war nichts mehr von dem Graus zu sehen.

Das widerfahrene Leid, mit all den grässlichen Tönen und Gerüchen, war den Menschen recht rasch aus dem Gedächtnis gepurzelt, und ihr Denken mitsamt dem Glauben hatte sich jetzt in der neuen Zeit gut positioniert.

Offensichtlich war es genau dieses Übergewicht, das die nächsten hundert Jahre erneut ins Wanken geraten sollte, und die Leute zwänge, ohne ihr Hab und Gut zu fliehen. Denn zum Nachteil aller, wurden sie durch ihre Beschaffenheit an der bloßen Existenz gehindert und dachten und dachten, anstatt einfach nur zu sein. Hätte das leichte Sein diese Leben bestimmt, wäre ihnen ihr abgetautes Lächeln niemals über die Ohren gewachsen. Niemand bestünde darauf ihnen unbeabsichtigt Schaden zuzufügen. Doch sobald etwas denkt, kommen die Verlierer ans Licht. Und der Mensch denkt ausnahmslos an sich, denn er denkt, auch wenn es noch so uneigennützig und selbstlos gemeint war. Demnach waren sie mal wieder am Rennen, die Menschen mit ihren großen Köpfen. Diesmal spannten sie nicht, wie sehr sich die Population der Kleinlebewesen vermehrt hatte. Sie dachten und empfanden Ekel für: Würmer, Käfer, Maden, Spinnen, Raupen, Mäuse, Ratten, Asseln, Schnecken, Ameisen, Schlangen und sogar für Hunde und Katzen, obwohl die sich gegenseitig selbst regulierten. Der ganze Boden bewegte sich wie eine nie endende La-Ola-Welle und wartete nur darauf, endlich verzehrt zu werden.

Es war nichts zu machen. Aus den Köpfen der Leute war die Abscheu nicht mehr weg zu kriegen, obwohl nur eine Schaufel von dem Zeugs genügt hätte, um eine sechsköpfige Familie einen Tag mit allem zu versorgen. Deswegen kam das Wasser, und mit dem Wasser erschienen auf einmal Friedfische, die sich in einem Anflug von – Hallo Hallo – selbst so nannten. Ohne lange zu fackeln, machten sie sich über die Insekten und gelösten Fleischteilchen her, so dass es innerhalb weniger Monate bereits eng wurde. Zudem sank der Wasserspiegel rasant; natürliche Nahrung wurde rar, und die sonst so drollig dreinblickenden Fischgesichter waren jetzt plötzlich gar nicht mehr so friedlich. Richtig böse patrouillierten sie von nun an in kleinen Gruppen die Sohle entlang. Dabei stellten sie immer wieder fest, dass sie sich noch nie richtig leiden konnten. Die gegenseitigen Platzverweise eskalierten zu einem kannibalistischen Klassenkampf, der letzten Endes zu nichts, außer zur Verstümmelung ihrer angewiderten Minen, und infolgedessen zu einem kollektiven suizidalen Erwachen, führte. Um ihren Fortbestand war es nun schlecht bestellt. Es schwammen nur noch angeknabberte Halbirre in sinnlosen Formationen durchs trübe Wasser und fanden sich besonders gescheit. Dann war es soweit. Unter nachsichtiger Ironie kreuzten sie auf, die richtigen Feinde. Jetzt ging es ums Eingemachte.

Mit phosphorgrünen Greifstäben hatschten sie im Schlamm herum. Dadurch brachten sie den Fischen das überirdische Phänomen des Polarlichtes direkt ins Wohnzimmer. Vielleicht auch wollten sie den Fischen ihr bevorstehendes Ende noch mit einer luminösen Nahtoderfahrung versüßen. Man weiß es nicht genau. Auch koordinierten diese Stecken ihre messerscharfe Musik, die, je nach Tageszeit, mal kürzer oder mal länger über der Oberfläche zu lauern schien. Sie hatten das Verlangen, eine ganze Spezies auszulöschen. Und gleich am morgen danach, war sich denken wirklich bald.

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