Die betörenden Krankheiten der Pauline U. | Teil 1

Herr Naptikar liebt Pauline. Und eigentlich ist es ihm egal. Doch Pauline muscht so viel, weil schwer woanders leicht vereint, was auch Herrn Naptikar verknallt. Nur wer oder was ist von wem oder was jetzt besessen?

Die betörenden Krankheiten der Pauline U. | Teil 1 von Stefan Leising gibt es auch im PDF-Format zu lesen.

Die betörenden Krankheiten der Pauline U. | Teil 1

Pauline ist ein Phänomen. Wer ist Pauline? Im ersten Moment dachte ich, sie sei es nicht, doch Pauline hat kein Alter. Wenn sie träumt, schätze ich sie auf Montag 1912. Ist auch egal. Mir fallen eh nie Fragen ein und Kommunikation, im klassischen Sinne, will sie nicht, obwohl sie so viele Geschichten erzählt, die nur Sinn ergeben, wenn ich träume. Wir sehen uns jetzt ständig, und wohnen schon zusammen. Zwischen uns klappt es auch am Dienstag, immer häufiger perfekt, aus uns Spuren auszulassen. Niemals fällt mir auf, dass ich ihren richtigen Namen gar nicht kenne. Niemals nie und ständig immer, nannte ich sie schon Pauline, da Pauline immer nur und immer ewig schnell ausgesprochen werden kann. Bisher musste ich noch nie schimpfen, aber vielleicht nenne ich sie später einmal anders. Vielleicht am Mittwoch oder am Donnerstag.

Die Ärzte meinen, sie leidet an dem Münchhausen-Syndrom. Ich habe mich in Pauline verliebt. – Und das vom ersten Moment an. Pauline ist ungefähr 1,65m lang und wiegt um die 45kg. Ihr abwesendes Gesicht versteckt sich zwanghaft hinter ihren grau-blonden Haaren, die damals unter Deck auf ewig brüchig wurden, und vor ihrem Gesicht seither eigenständig zittern. Oftmals zwängt sich ihr fiebriger Atem schattenhaft durch die schnatternden Haarspitzen, die wie ein zerfleddertes Gepäcknetz ihre Befindlichkeiten zu einer Depression im Hals anstauen lassen. Ich weiß ob ihrer Füllstandsanzeige Bescheid. Wenige Male durfte ich einen Blick auf ihren Mund werfen. Immer dann, wenn sie etwas Abgestorbenes in unsere Beziehung entlässt.

Pauline leidet an eindrucksvollen Schwächeanfällen, die sich in ihrer Sinnlichkeit ziemlich wohl fühlen. Zum Auftragen des Lippenstiftes zum Beispiel, braucht sie logischerweise eine halbe Ewigkeit. Umso größer der farbliche Kontrast zwischen Lippen und Lippenstift, desto einfacher für sie, gerade Linien zu ziehen. Doch Pauline ist so wunderschön schwach, dass sie zuerst Punkte malt. Diese verbindet sie anschließend zu einem Quadrat, um es wieder mit neuen Punkten zu verbinden, und erhält am Ende, in ihrer neuen Mitte, eine Art von Linie. Ja, und nach und nach gerät diese Mechanik des Schminkens zusehends außer Kontrolle. Dann wieder, schmiert Pauline zwei Drittel des großen Wagens in die Nacht, dort wo lächerliche Mosaike sich niemals als Clown finden dürfen. Auch das dauert Stunden. Am Ende dieser Prozedur streicht sie den Lippenstift einmal von rechts nach links, mittig angesetzt, über die feuchte Innenspalte ihrer niedlich grotesken Lippen. Ihr ganzer Mund wabert dann dahin, kussgenau abgerundet wie ein angeknabberter Doppelkeks. Aber das macht nichts. Ich finde das so furchtbar heiß. Aus wenigen Metern Entfernung, mag man schon meinen, einem fletschenden Haifisch gegenüber zu stehen. Doch am Ende verschwindet dieser Eindruck in ihrer überragenden Gesamtästhetik. Ganz toll finde ich auch, dass Pauline ausnahmslos nagelneue Chelsea Boots trägt. Meistens in Kombination mit Strampelanzügen aus Seide, die regelmäßig via Luftpost von einem unsichtbaren Boten aus einem erloschenen Land plötzlich im Hausgang liegen. Rund um den Wadenabschluss, dort wo immer ein nackter Abstand Hormone verglüht, kommt ihre Ästhetik zum Tragen. Generell, erschafft sie farblich, zwischen oben und unten, eine harmonisch gesunde Übereinkunft. Ihre Beine habe ich noch nie gesehen. – Ob sie wohl so sind, wie die Spuren aus ihrem Mund vermuten lassen?

Zuerst wollte ich es gar nicht wahrhaben: Eine ihrer Hände ist ganz schön verrunzelt und könnte durchaus, die Hand einer Toten sein. Die zweite Hand ist jung, frisch und im Leben geblieben. Auf der Alten trägt sie einen gelben Plastikring, aus irgendeinem Automaten gezogen. An dieser ranzigen Hand führe ich sie ab, und bin ihr beim Gehen behilflich. Die junge Hand erledigt eben diese Schminkprozeduren und cremt die antike Tote ein.

Ja, wenn die Sonne kommt, bin ich ihr beim Gehen behilflich. Denn es fällt ihr so schwer, die Beine zu heben. Draußen jedenfalls, nützt Pauline Kieselsteine zur Fortbewegung. Uneins, wer was schleift, einigen sich die Kieselsteine und die Sohlen ihrer Chelsea Boots meistens auf eine Richtung. Dann gleitet sie unbeschwert vorwärts. Die Ägypter sollen es beim Bau der Pyramiden genauso gemacht haben. Ich sehe meine Aufgabe jedoch ausschließlich darin, Paulines Rätsel zu entwirren. Eigentlich ist Pauline eine Pflanze. Jedes Mal, wenn ich sie von weitem sehe, kommt mir dieses bekannte Lied in den Sinn, welches von dem Männlein handelt, das im Walde steht – ganz still und stumm. Und am Ende entpuppt es sich als Hagebutte. – Wahrscheinlich ist Pauline eh ein Baum. Sicher sogar! Denn ich Träume oft von Paulines Astlöchern, in denen ich als Liebling Comandante die unentwirrbaren Wanderwege ihrer Ahnen nächtlich abtaste. Würde man Pauline in den Wald stellen, blieb sie bestimmt stehen, ohne sich dabei etwas zu denken. – Den Kopf zur Seite gebeugt, stünden ihr ihre Haare wie ein jähes Verhängnis zu Gesicht. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass dann ihre Kleider, samt Chelsea Boots, nach und nach verflüssigt in den Boden abrutschen, und sie am Ende nackt und einsam wurzeln schlägt. Ab November wäre Pauline für Monate komplett eingeschneit, und ich könnte sie nur an den gefrorenen Haaren erkennen, die ihr den Weg nach Hause aufzeigen würden. Keine Menschenseele wüsste, wo sie genau steht, außer mir natürlich. Zum Zeitvertreib möchte ich ihr dann eine Futtergrippe zur Seite stellen, und viele Jahre später, verrate ich meinen guten Kindern schließlich, wo Pauline steht. Doch ich stelle sie erst in den Wald, wenn sie mich nicht mehr liebt. Erst wenn sie droht, krank zu werden, stelle ich sie in den Wald. Auch wenn Pauline schwanger zu sein scheint, würde ich sie in den Wald karren, denn von dort kommt sie doch.

Pauline jedenfalls ist ein Phänomen. Und ich liebe dessen Geist abgöttisch. Manchmal kommt es schon vor, dass Pauline dann doch etwas Attraktives spricht. Interessant scheint mir ihr Dialekt. Die wenigen zarten Worte, die ihren wackeligen Mund verlassen, sind kaum zu hören und gespenstisch wirr. Sie erzählt mir dann von ihren Schwächeanfällen und davon, dass sie sich bei mir entschuldigen muss. In solchen Momenten lache ich sie lieb an. Sie erwidert mein Lächeln, indem sie mir in meinen Mund haucht. Ich bin überzeugt davon, dass Paulines verlorengegangene Kraft sich in ihrem Atem gebündelt versteckt hält. Außerdem wusste ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht, dass ich mit meinem Mund riechen kann. Es gibt durchaus Unsichtbares, das in der richtigen Dosis den ganzen Organismus beeinträchtigen kann, so dass nach einiger Zeit, die Dosis den Rang des Unsichtbaren einnimmt. Bei Pauline möchte ich das nicht glauben, denn alle perfekten Wörter gehören ihr schon immer.

Pauline ist zudem noch schwerhörig. Sie hört schlecht und lacht gerne. Beides ist aber wie weggeblasen, wenn sie nur so herum steht. Und Fasching liegt definitiv nicht auf ihrer Welle. Doch eines Tages erzählte mir Pauline, was es mit den Schwächeanfällen auf sich hat. Wir saßen auf einer Bank, unmittelbar vor unserer Wohnung. Wir wohnen in einem Mehrfamilienhaus, ohne Aufzug. Dafür sind die Stufen durchgehend mit Teppich beklebt, so dass sie bis zum Ende der Stufe vorrutschen kann, um über die Kante zur Nächsten zu gleiten. Das geht zwar in die Bandscheiben, aber was würden denn die Nachbarn sagen, wenn ich eines Morgens einen Laster Kies in den Hausflur schaufle? Ja, und ein Rollstuhl käme für sie unter keinen Umständen ins Haus. Dafür ist sie viel zu eitel.

Und eben, irgendwann, vor Wochen, saßen wir unten im Park, auf einer Schaukel. Sie lugte durch Dinge, die ich nicht sah und begann plötzlich ganz leise zu reden. Zuerst dachte ich, dass ihr Spuke zwischen den Lippen klebt, und der Zug ihres Atems die Geräusche verursacht. Doch dann begann sie zu flüstern, dass eines Morgens ihre Kraft einfach so verschwand. Ich wartete noch ein bisschen, um zu verstehen, ob es der Anfang, oder bereits das Ende ihrer heißen Worte war. Doch da kam nichts mehr. Taktvoll versuchte ich mir nichts anmerken zu lassen und blickte, wie eben so ein Hobbypsychologe, an alle Seiten ihrer leeren Ansage schweigend vorbei. Und seither kenne ich die Geschichte, von Pauline und ihren Schwächeanfällen. Damals antwortete ich, naja, macht ja nix, und, dass ich super froh sei, ihr begegnet zu sein, und spielte dabei mit dem gelben Ring an der abgeblühten Beton Hand. Ich werde mich wahrscheinlich nie daran gewöhnen, die steife Alte ihr zuzuordnen.

Also gut. Pauline ist schwerhörig, wohnt mit Schwächeanfällen in einem unterernährten Körper. Wenn sie spricht, dann einen schimmernden Akzent, und sie hat kein Alter, nur eine Epoche, die ich immer dann zu greifen bekomme, wenn wir aneinander vorbei träumen. Dennoch liebe ich sie mehr, als alles andere auf der Welt.

Pauline transferiert ihre physischen Defizite ins Geistige und ist nur da. Immer öfters bei mir da. Und als wir damals dort saßen, auf dieser Parkbank, habe ich schon noch etwas verstanden. Denn eines wiederholte sie ständig, nämlich, dass wir den Eichhörnchen ihre Lebensgrundlage gestohlen hätten. Ich kann mich noch erinnern, dass ich ihr ohne angenehme Stimmlage antwortete, dass wir Menschen ja sowieso alles zu betonieren, und war der Meinung, ich vertrat meinen Standpunkt vom Ende her. Doch ich merkte auch sofort, dass ich nicht dümmer hätte antworten können. Und obendrein spürte ich, wie Pauline meine Unsicherheit zum Anlass nahm, über meine bescheuerte Antwort nachzudenken. Und daher hakte ich rasch nach, was mit den Eichhörnchen so liefe. Eigentlich schrecklich, dass mein Mund schneller hört, als dass die Nase den Ohren das Hören zum Denken überlässt. Aber durch Pauline hat sich meine Synergie ein klein wenig verschoben. Ohren sind mir wichtig! Jedenfalls, am selben Tag erfuhr ich von ihr, dass die Sache mit den Eichhörnchen verflucht streng zu werden scheint. Nämlich vor hundertfünfzig Jahren, lebten hier wirklich nur Eichhörnchen. – Und logisch eigentlich. Die Straßennamen deuten eindeutig auf Eichhörnchen-freundliches Gebiet hin. Wir zum Beispiel, wohnen hier am Kobelweg. Das wichtigste jedoch erzählte mir Pauline gleich am Ende. Ab und an unterhält sie sich mit den verstorbenen Eichhörnchen. – Nun war es so!

Für den Tag hatte ich genug Spuk. Außerdem musste ich sie ja noch in die Wohnung zurück schieben. Doch irgendwie hatte ich ein bekacktes Gefühl, damals noch.

In seltenen Momenten, etwa wie jetzt, wenn Pauline alleine Zuhause ist und ich unterwegs beim Einkaufen, wundere ich mich schon manchmal, woher ihr nur das ganze Geld zufließt. Uns fehlt es wirklich an nichts, obwohl ich weder arbeite, noch mich um sonst etwas kümmere. Trotzdem bleibt der Briefkasten leer und das Portemonnaie gefüllt. Pauline lebt auf großem Fuß. Auch verständlich, wie ich finde. Sicherlich! Ich profitiere auch davon. – Es ist nämlich atemberaubend scharf, dass Pauline ihre blasse Haut nachhaltig unter Seide versteckt hält und in ihr, mit mir, täglich murkst. Nur im Sommer dann, berauschen sich die langen Tage an ihrem runter gekürzten Schloss-Nachthemd, das mit durchsichtigen Zahlen bestickt, an Paulines einsamer Weiblichkeit an Potenz gewinnt, bis zu viel von ihr immer noch will. Pauline ist teuer. Deswegen knöpft sie alles ständig bis oben hin zu. Sie beendet alles. Macht alles voll und wagt sich meistens bis zum Rand. Wahrscheinlich ist das unter diesen Mühen gar nicht anders zu regeln. Ich hingegen, schütte alles über den Rand. Doch Pauline muss denken und sofort abwägen, wann und wo sie die Zähne zusammen beißen muss. Automatische Abläufe bereiten ihr Mühe, sind ständig präsent und saugen sie stark aus, da Pauline so entzückend schwach ist. – Und wenn schon mal eine Anstrengung im Gange zu sein scheint, führt man sie doch bis zum Ende hin aus, möchte ich meinen. Ich kann das gut verstehen. Aber insgeheim wünsche ich mir trotzdem, dass sie die Seidenbluse geöffnet trägt. Sie hat doch bestimmt auch gute Brüste. – Vielleicht gibt es auch eine Abgelaufene mit Stich, und eine herrlich Frische daneben. Ich würde dann wieder nur die Saftlose berühren. Meinetwegen schon. – Wenn nur ihr Mund richtig gerade wäre, doch was soll es? Manchmal küsst man halt an den Löchern vorbei. Dafür gibt es ja mehrere, die aber bei Pauline noch auf Erklärung hoffen. Meine Kleine ist von Anfang an mit allem verbunden. Das ist schon was. Sie braucht niemanden ins Gesicht zu schauen, denn sie hat ihr gegenüber sofort eingesehen. Daher ist es auch völlig egal, ob ich ihr auf eine Frage antworte. Lächelt man Pauline an, und ist sich gleich der Verbindung im Klaren, kommt sie auch nicht darum herum, ihren starren Kopf widerwillig aufzurichten. Voller Abscheu verbleibt sie minutenlang in einem verlorenen Gesichtsausdruck. Mir scheint es so, als würde sie in diesen Momenten gegen die Sonne lachen. Und dieses Gefühl kennt doch jeder. – Solange man von der Sonne geblendet wird, ist eigentlich immer alles gut, schön gut egal nämlich. Ziemlich einzigartig zeigt sich auch Paulines Musikgeschmack, nämlich gar nicht. Wie gut ist das denn? Ich befürchte nur, sie hört die Musik nicht, obwohl ich schon auch der Meinung bin, dass sie gelegentlich mit wippt und manchmal sogar stolpert. Ich bin so ahnungslos, was das bei ihr alles sein könnte? Öfters habe ich Pauline schon auf die Probe gestellt, sie zu den unmöglichsten Zeiten beschallt. – Doch keine Regung bei Pauline. Aus Verzweiflung begann ich zuerst, bei jedem kleinsten Fehler anderer Autofahrer, sofort wild zu fluchen und eine Menge Arsch-Wörter, die bei mir auch so ausschauen, durch die geschlossene Scheibe zu brüllen. Aber ohne Anteilnahme macht das nur begrenzt Spaß. Außerdem bin ich weder cholerisch, noch meist übermäßig aggressiv aufgelegt. Nur meistens ist nicht immer, und immer, öfters wieder bald. Und irgendwie muss ich ihre und meine Energie auch loswerden. – So mal man sich danach unaufgefordert rechtfertigen kann. Niemandem geht das dann auf den Sack. Und an ihr zieht das grundsätzlich vorbei. Mit ihrer kunterbunten Erloschenheit hat das alles nichts zu tun. Ich glaube, sie plant in solchen Momenten bereits die Denk- und Schrittfolge, wie sie am besten aus dem Auto kriecht, welchen Muskel sie zuerst anzaubern muss. Vielleicht reagiert sie deswegen nicht?

Jedenfalls, mit Pauline ist es immer fesch. Ihre fehlende Anteilnahme stört mich nicht im Geringsten. Ich bin auch ganz froh darüber, dass mir keiner dreinredet. Es gibt keine Streitigkeiten über mein Outfit, über die Menge an Alkohol die ich trinke, über das Fernsehprogramm, geschweige ob ich schlecht rieche und noch so vieles mehr, ist überhaupt kein Thema. Und so wandelte sich mein Verhalten dahingehend, dass ich mich durch Pauline leicht, naja schon, vernachlässigte. Heutzutage pfeif ich jeder und jedem sofort grundlos meine Meinung, schreie allen einmal Wixer hinterher – gut mittlerweile habe ich auch Diabetes Typ2 -, spare grundlos Wasser, und trinke morgens bereits fünf Bier, allerdings meine ich das ja nicht ernst, das mit dem Bier. Ich kann mir wirklich nicht erklären, wo Pauline ihr ganzes Geld her hat? Bekommt sie schon Rente, oder sonst irgendwelche Zuwendungen? Möglich wäre alles. Mir ist es nur wichtig, dass sie zu mir hält und ihre gesunde Ästhetik nicht verliert.

Gut, und bisher war ich noch nie so richtig scharf auf sie. – Also so richtig, kategorisch scharf! Ich kann sowieso nicht gut vögeln. Doch von Pauline werde ich nichts erwarten können. Sie hat auch nicht das geringste Verlangen nach Zärtlichkeit. Nur manchmal eben, halte ich ihre kostbare stille Hand und spiele mit dem gelben Ring. Ich vermute sie mag das. Trotz all dem, hätten bei Pauline duzende Männer Platz. Rechts neben ihr, die jungen Wilden für die bewährt blasse Seite; – links von ihr die Heiratsschwindler mit Weinberg. Doch niemand traut sich an Pauline heran. Neuerdings wurde hinter unserer Parkbank, die für uns Beide nun Mindgrippe und Raststation, auf dem Weg zur Wohnung, geworden ist, ein riesiges Plakat montiert, dass für High Speed, super Vmax Internet 1A + Allem, warbt. Wir beobachteten, wie die Hälfte der Mieter in den Keller zitterte, um zu überprüfen, ob das ohne Techniker ja schnell zu bewerkstelligen wäre. Den anderen fünfzig Prozent ist es wahrscheinlich eh wurscht. Doch niemand würde freiwillig auf ISDN wechseln, oder generell sich mit Jahre alten Nachrichten begnügen. Aber meine Pauline lebt rückwärts. Zumindest, eine Seite von ihr. Diesen Tarif habe ich gebucht, und ich liebe es dermaßen!

Gestern war ein komischer Tag. Ich saß auf der Couch. Meine Hand lag schon minutenlang bei meinem Schwanz, als ich plötzlich das Kreischen eines Babys aus dem Schlafzimmer hörte. Ich sagte so was wie uhh, sprang in die Höhe und sah nach. – Nichts! Zurück im Wohnzimmer, erschrak ich kurz, denn dort auf dem Sofa saß auf einmal meine Pauline. – Die linke Schulter abgedeckt, quasi nackt, der Rest wie gewohnt mit Seide umschlungen. Und genau da, erwachte ein großer Gedanke in mir. – Ich könnte Pauline doch einmal zärtlich berühren, so dass sich ein Verlangen, nach diesem bisschen zu viel Erregung, in ihr dann ganz wohl fühlt, und sich dieser neue potente Wunsch daraufhin, ohne weiteres Zutun, vor ihre Reisebereitschaft drängt. Und als mir dieser Gedanke dann doch zu groß wurde, wanderten Paulines Haare von selbst über ihre Schulter und legten ein neues beziehungsfreies Grinsen frei. Sofort sah ich auf ihre Lippen und staunte nicht schlecht, dass sie blau leuchteten, und weder geschminkt, noch sonst wie bemalt waren. Sie brennten einfach nur, in diesem tiefen blau. Zuerst war ich der Meinung, dass sich das Hintergrundbild der Tagesschau auf ihren Lippen abbildete. Doch als ich den Apparat ausknipste, funkelten ihre Lippen weiterhin blau. Nur die schwarzen Löcher, in denen ihre Augen wohnen, fielen sofort in sich zusammen und die Lider vergruben das, was ich ihr morgendlich ins Frühstück mische. Uh, teure Zeichen einer wunderbaren Liebe, – von meiner Pauline.

Tage später las ich in der Hörzu, und verstand, dass Pauline anscheinend auch an Blausucht leidet. Ob sie leidet kann ich nicht wirklich sagen, doch im Grunde geht es ja nur uns Beide etwas an. Blausucht hängt mit Sauerstoffmangel zusammen. Und nach und nach kam ich auf den Trichter, dass sie möglicherweise wirklich erregt war, und der Sauerstoffmangel dadurch ausgelöst wurde. Seit diesem Moment an, beobachtete ich Pauline noch feiner. Natürlich mache ich mir ununterbrochen Gedanken, wie ich Pauline befriedigen könnte. Und dieselbe Anstrengung versackt auch in meiner Angst, dass sie alles komplett missversteht und meine Geilheit als Wilderei interpretieren könnte. Selbst habe ich große Zweifel, denn in regelmäßigen Abständen onaniere ich und bin danach wieder wie zuvor. Den Turnus beim wichsen habe ich mir folgerichtig nach einer Dokumentation über Haustiere zugelegt, in der die Problematik einer verstopften Analdrüse über Stunden hinweg thematisiert wurde. Warum weiß ich nicht mehr. Nur seitdem bekomme ich nach dem wichsen unsägliche Kopfschmerzen. Trotzdem aber hole ich mir jeden Tag dreimal einen runter. Ich kann nicht anders. Am besten nach dem Frühstück, wenn Pauline ihre Katzenwäsche erledigt. Jedenfalls, muss schon manchmal eines ihrer Seidenstücke meinen fetten Hoden polstern, dort wo es sehr brisant nach Geschlecht riecht, vor allem nach dem achten Bier, wenn ich schon seit Stunden daneben schiffe. Und wenn ich fertig bin, ist wieder alles in Ordnung. Am liebsten wäre es mir, wenn ich mit Paulines Erregung komplett falsch liegen würde. Aber ich kann nicht Nichts machen. Und daher habe ich erstmal ein Sauerstoffgerät besorgt. Dieses steht vorerst unten neben den Briefkästen, da ich alleine zu schwach bin, um es über die Treppen hinauf zu wuchten. Und mit den Nachbarn habe ich keinen Kontakt. Die Nachbarn wiederum kennen zwar Pauline, wissen mit ihr aber nichts anzufangen.

Und dann auch noch – neulich, eines Morgens, fiel mir auf, dass die Fensterbank im Schlafzimmer mit dicken Wassertropfen übersät war. Außerdem hatte der Schimmel schon seine schleimige Grundierung aufgetragen. Alles klar. – Hier wird wohl nicht gelüftet, schrie ich nach Pauline. Ich meine das aber nicht so, denn ich liebe sie. Und eben auch, weil sie Höhenangst hat, wie ich kurz darauf von ihr roch. In dem Moment fiel mir wieder ein, dass sie über einen gewissen Bereich des Teppichs nie hinauswanderte. Bisher ging das in ihrem Elan unter. Als ich dann den Teppichboden genauer ansah, erkannte ich den farblichen Kontrast, ähnlich einer Grenzlinie. Aus einer Laune heraus, – naja eigentlich kam ich damals vom Joggen, nicht zu vergessen, die vielen schnellen Schnäpse mit den Arbeitern drüben an der Tanke, – versuchte ich sie über den hellen Bereich des Teppichs zum Fenster hinweg zu schieben, doch ohne Erfolg. Die Haare in ihrem Gesicht begannen wie wild zu zittern und unterdessen, verirrten sich auch ein paar der Spitzen in ihren Haifischmund. So aufgeregt hatte ich Pauline bisher noch nie erlebt, und an diesem Abend machte sich ihre Denkstörung deutlich bemerkbar. Denn sie wusste echt nicht, was nun geschieht. Pauline konnte meine gewohnt geradlinige Fürsorge, mit dem was ich damals tat, nicht zusammen bringen und sträubte sich höllisch dagegen, von meiner Laune missbraucht zu werden. Eine Zeit lang, ging mir das dann auch nicht mehr aus dem Kopf. Mich plagte dasselbe schlechte Gewissen, das ich mir stets selbst prophezeie, falls ich sie jemals vögle. Irgendwie schon blöd. Hätte ich nämlich gewusst, dass sie genau so reagiert, hätte ich sie damals gleich an der Grenze nehmen können. Doch hätte hätte, ich hab es damals einfach nicht gemacht. – Wie auch immer, alles hat seine guten Seiten. Dadurch erfuhr ich, dass sich bei akuter Gefahr ihre Chelsea Boots auch blau verfärben. Seit diesem Abend spanne ich ihr nur noch auf die Schuhe und die Schulter. Alles was mich betreffen könnte, wird in diesen Bereichen angezeigt.

Nicht zuletzt aufgrund der merkwürdigen Vorgänge, fasse ich schon länger ins Auge, Pauline bei ihrer Katzenwäsche zu beobachten. – Denn nackt, ja nackt, habe ich sie noch nie gesehen. – Ständig ist sie in zarte Seide gehüllt. Ob Tag oder Nacht. Immer schon, von Anfang an, wollte ich ihr nie zu Nahe treten, obwohl ich bis zum heutigen Tag nicht gewiss sagen könnte, ob wir ein Paar sind. Wir wohnen mittlerweile zusammen, schlafen überwiegend im selben Bett und bestreiten jeden Tag gemeinsam. Trotz dieser klaren Strukturen, die wohl oder übel eine Beziehung vermuten lassen, lädt die fehlende Resonanz zu allerlei Zweifel ein. Bedenken dahingehend hege ich jedoch erst seit dem Zeitpunkt, als die Sache mit der nackten Schulter an Aktualität gewann. Ich habe mir auch schon mal Gedanken gemacht, ob ich mit ihr zum Frauenarzt gehen sollte. Pauline verweigert grundsätzlich alle freiwilligen Arztbesuche. Meines Erachtens hat das auch keinen Zweck. Denn an Pauline würden sich die Mediziner eine goldene Nase verdienen, oder sie mir gar ausspannen. Schon möglich, dass Pauline, durch irgend so einen Spinner, dann direkt in den Gummigarten wandert.

Jeden Abend, bevor ich mich endgültig besaufe, erzähle ich meiner Pauline ein Gute-Nacht-Märchen. Sie liebt den kleinen Däumling, unter anderem wegen den Meilenstiefeln. Dadurch habe ich mir angewöhnt, zu ihren Chelsea Boots, Meilenstiefel zu sagen. Und meiner Pauline gefällt das so arg, dass ich die Geschichte immer und immer wieder erzählen muss. Sie geht sogar so weit, wenn sie nach ihren Boots verlangt, mit der positiven Hand eine Hoppel-Bewegung zu imitieren, um dadurch anzusagen, bring mal schnell die Meilenstiefel. Pauline ist so unbeschwert, wenn sie nicht erregt ist. Doch der Meilenstiefel ist kein Knüppel und kein Sack, daher sind die Schokoladen Rituale – Vorspiel und Abwasch zugleich. Allerdings geschlemmt haben wir noch nicht. Ich liebe Pauline. Und falls meine Liebe mal nicht vor Ort ist, benützt sie einen Gehstock, um sich daran herum zu ziehen. Pauline benötigt für fünf Meter unerreichte Zeit. Mir wäre das eigentlich egal, und faszinierend finde ich dieses Schwächeproblem auch nicht. Jedoch stelle ich fest, wenn die physischen Defizite zum Vorschein kommen, beginnt der Geist wie wild zu arbeiten. Mir kommt vor, dass Pauline in den herrlichen Minuten des mühseligen Voranschreitens, immerfort irgendwelche Wurzeln zieht. – Oder womöglich hat sie die Menschen, in ihrer Nähe, schon in Planquadrate unterteilt, um ihre Bewegungsabsicht vorher berechnen zu können. Ich jedenfalls, sehe es Pauline an, wie es in ihr rattert. Manchmal geht sie selbst spazieren. Nur bei den Treppen bin ich ihr dann noch behilflich.

An manchen dieser Tage verbringt Pauline den ganzen Nachmittag im Hof, unter den alten Bäumen. Durch ständige vor- und zurück Bewegungen malt sie Straßen auf den Boden, genauso wie es debile Kinder im Spinat machen. Dies funktioniert dort unten ganz einfach, denn die trockenen Nadeln lassen sich gut umher schieben. In solchen Momenten wird sie zum Teil einer alten Struktur, wie auch die hunderte Jahre alten Bäume. Ich beobachte alles von unserem Fenster aus. Am besten gefällt mir Pauline, wenn sie einfach dort herum steht und sich über Stunden hinweg nicht bewegen mag. Wie versteinert lässt sie den Wind um ihren Körper schweifen und denkt und denkt. Was mögen nur für lähmende Prozesse in ihrem zerbrechlichen Körper vonstattengehen, wenn sie nicht gerade zu rechnen scheint? Endlos könnte ich am Fenster stehen und Paulines verkrümmten edlen Körper anglotzen. Ihre geistige Emotionalität kommt am besten zu tragen, wenn sie nichts tut. In solchen Momenten ist sie mit der Umwelt eins, verschmolzen in der Individualität der Schöpfung. – So wie ich mit meinem Fernglas. Manchmal lasse ich Pauline, über den Sonnenuntergang hinweg, weiterhin unter den Bäumen stehen. Und irgendwann nach Mitternacht klingelt sie dann, und ich begleite sie über die Treppen hinauf ins Bett. Wir sind ein gespaltenes Paar und investieren unsere tiefsten Geheimnisse offenkundig in uns Beide. Wenn man versteht, warum ich Pauline so liebe, sieht man vielleicht auch, wie ich in ihr, die wirklich wichtigen Dinge erkenne. Durch sie habe ich erfasst, dass wir Menschen Beziehungswesen sind, denn für die Existenz macht es keinen Unterschied, ob wir auf dem Teppich, oder unter den Bäumen von unseren Mitlebewesen an die Hand genommen werden.

Vor einer Woche wollte ich Pauline ein großes Geschenk machen, indem ich sie in den Zoo drängte. Diese Idee kam mir, als ich in dem Stadtanzeiger einen zu langen Bericht über die neu eingetroffenen Eichhörnchen gelesen und ganz ernst studiert habe. Mittlerweile bin ich mir sehr sicher, dass in Paulines Seele, eines dieser Viecher seinen lebendigen Erfahrungsschatz versteckt hält. Aber dadurch, dass das Eichhörnchen keine Bedienungsanleitung hinterließ, hängt Pauline nun ein bisschen in der Luft. Und so erhält sie ständig Impulse, aus ganz tiefen Regionen ihres Bewusstseins, kann damit allerdings recht wenig anfangen. Möglicherweise trägt dieser innere Konflikt dazu bei, dass Pauline so begehrenswert schwach ist. Denn die Eichhörnchen sind äußerst flink und immer auf der Hut. Aber genau, weiß ich das nicht.

Es ist schön zwischen uns Beiden, dass das Gegenüber etwas Wirres sagt, der Andere jedoch, die Aussage ohne weitere Beachtung ins Regal zu den anderen Aussagen stellt. Dort stehen verstaubte Streitigkeiten, indem es nur darum geht, den anderen möglichst zu verletzen. Und mit der Zeit, kommen Selbige und beginnen langsam, die eigenen Wörter zu zersetzen. Am Ende bleiben der Einband und eine grobe Inhaltsangabe übrig. – Und dann wäre es wieder an der Zeit, Vertrauen neu zu schaffen. Bei uns Beiden gelingt dies ganz einfach: Wir denken uns etwas, und der Andere spürt die Schwingung des Gedachten. Mittlerweile können wir uns den ganzen Tag so verständigen, ohne ein einziges Wort zu sprechen. Pauline vertraut mir blind, und mir schmeckt das Bier. Sie könnte sich zwar schlecht körperlich wehren, täte mir aber derart schlechte Energie verkaufen, dass ich bestimmt ganz stark erkranken würde.

Mein Geschenk an sie, einen Tag zusammen im Zoo zu verbringen, war das Allerbeste, was mir seit langem einfiel. Seit diesem Tag nämlich, geht es mit Pauline stark bergab. Bereits um halb vier, stand ich neben ihrem Bett und rüttelte, durch die feuchte Seide, an der giftigen Brust. Die Haarspitzen begannen zu zittern. Ich half ihr aus dem Bett und machte Frühstück für uns Beide. Pauline isst nicht viel. Jeden Morgen ein Butterbrot mit Honig, Haferflocken und ein paar Tropfen aus meinem Fläschchen. Dazu zwei Tassen schwarzen Kaffee, der sie nicht wesentlich beschleunigt. Am Vormittag eine Karotte, und am Abend schiebe ich etwas von meinem Teller rüber. Das reicht ihr vollkommen. Paulines Verdauung ist mir ein Rätsel. Während der Katzenwäsche erledigt sie ihr Geschäft. – Davon gehe ich aus. Spuren im, oder auf dem Klosett finde ich nie, und das mit dem Klopapier, kann ich mir nicht merken. An diesem Tag jedenfalls, standen wir, bereits frühmorgens, am Eingang des Zoologischen Gartens und warteten darauf, bis der Typ mit der blauen Kappe uns an dem Tau vorbeiwinkte. Gleich schnappte ich mir ein Plastikmotorrad mit Fahne und schob Pauline an allem vorbei, hin zu den Eichhörnchen. Vor dem Freigehege tollten bereits Schulkinder herum, die uns auf dem Weg dorthin, trotz Motorrad, zweimal überrundeten. Im Vergleich zu Pauline, hatte jedes Kind eine Aufmerksamkeitsstörung. Aber die Kids wurden daraufhin konditioniert, das mangelnde Interesse der Lehrer für diese, kindlich aussehen zu lassen. Die vollkommen bescheuerten Lehrer zeigten sich gegenseitig irgendwelche Dinge auf ihren Smartphones, nickten, wurden rot, währenddessen sie die Schüler darauf aufmerksam machten, dass das Pausenbrot für die Pause da sei, und kein Stock niemals für die Hand.

Ich bin heilfroh, dass ich es gleich merke, wenn sich Pauline amüsiert. Geht es ihr gut, bleibt sie einfach nur stehen. – So auch vor einer Woche, ich weiß es noch ganz genau, die Pauline. Und währenddessen ich damals unfassbar über die Verantwortungslosigkeit der Lehrer log, verlor ich Pauline und die Eichhörnchen, die bereits an einer Einheit kämpften, komplett aus den Augen. Ich war nicht lange abwesend, denn plötzlich fielen mir die Schreie der Kinder auf. Wild umherwinkend zeigten sie auf Pauline. – Da sah ich es auch: Paulines Lippen und die Finger ihrer jungen schülerhaften Hand strahlten derartig blau, so als wäre sie gerade einer Gruppe von Schlägern untergekommen. Sofort erinnerte ich mich an die blaue Schulter, die aber niemals wie blau rief. Urplötzlich war Pauline wieder emotionalisiert, etwas mit dem Sauerstoff geriet außer Kontrolle. Ich packte sie am Kragen in das Motorrad. Wir fuhren sofort nach Hause. Während ich die ganzen Wixer überholte, erzählte mir Pauline dann, was geschah. In ihr sei eine Spur ausgebrochen und hätte Kontakt aufgenommen, die Eichhörnchen nämlich, die ihr etwas neues Betörendes versprachen. Da wusste ich, wir lieben uns wirklich.

Heut ist schon Mittwoch..

 

Illustration von Maciek Fijalkowski

Illustration von Maciek Fijalkowski

 

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