Die Kiwi-Schnapswahl 1984

Österreich scheint, zumindest vorläufig, von vorgezogenen Neuwahlen verschont zu bleiben. Nach internen Beratungen präsentiert sich die amtierende Regierung in harmonischer Kompromissbereitschaft. Die Angst, bei einem überstürzten Urnengang den Kürzeren zu ziehen, ist wohl doch sehr groß. Der ehemalige Premierminister von Neuseeland, Sir Robert Muldoon, reagierte im Jahr 1984 nicht so zimperlich. Nachdem es bei einer regierungsinternen Klausur zu Meinungsverschiedenheiten kam, kündigte er, kurz entschlossen und besoffen, Neuwahlen an, und verlor.

Robert Muldoon 1978 (Archives New Zealand / wikimedia commons)

Robert Muldoon bestritt 1984 bereits seine dritte Amtsperiode als Neuseelands Premierminister. Die Regierungsarbeit war mühsam, denn seine National Party verfügte im Parlament lediglich über eine Mehrheit von zwei Sitzen. Bei einer spätabendlichen Arbeitssitzung im Juni 1984 kam es dann zu parteiinternem Widerstand. Die Parlamentarierin  Marylin Waring drohte damit, die Anti-Nuklearkraft-Gesetze der Opposition zu unterstüzten. Für Muldoon war das Grund genug, Neuwahlen anzuberaumen. Betrunken trat er vor laufende Kameras und kündigte Neuwahlen für das darauf folgende Monat an. Auf die Frage eines Journalisten, ob ein Monat nicht zu wenig Vorbereitungszeit wären, entgegnete er lallend: “It doesn’t give my opponents much time […]“. Muldoon verlor die Wahl haushoch.

Die Neuwahl 1984 ging in die Neuseeländische Geschichtschreibung informell als “schnapps election” ein (“snap election” ist der englische Begriff für vorgezogene Neuwahlen). Muldoon hatte den Preis für sein überstürztes Handeln gezahlt. Schon zuvor galt der ehemalige Premier als eher undiplomatisch, was sich in Zitaten wie “New Zealand was colonised initially by those Australians who had the initiative to escape.”, oder “New Zealanders who leave for Australia raise the IQ of both countries” niederschlug.

Muldoon gilt manchen Kommentatoren als ungestümte Figur (“bully“) in der Geschichte der Neuseeländischen Politik. Aus heutiger Sicht könnte man zu seiner Verteidigung jedoch sagen, dass er im Vergleich zu manch’ anderen Rüpeln, die sich heute in der Weltpolitik tummeln, zumindest manchmal den Anstand hatte, betrunken zu sein, bevor er unüberlegte Dinge äußerte.

Quellen / Weiterführende Links

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