Lars Gustafsson

Dieser Beitrag wird uns von Markus Sammer präsentiert.

Geh leise! Sprich nicht mit den Fliegen!

Was ist aus Anthony T. Winnicott geworden? Lars Gustafsson weiß es auch nicht. (Fotocredit: anderslif.se)

Was ist aus Anthony T. Winnicott geworden? Lars Gustafsson weiß es auch nicht. (Fotocredit: anderslif.se)

Das ist der wunderbar skurrile Titel eines – die Meinungen gehen auseinander – entweder brillanten oder unlesbaren Science-Fiction-Romans des – da sind sich alle einig – nicht besonders erfolgreichen texanischen Autors Anthony T. Winnicott. Seine Grundidee ist, dass die materielle Welt nur Illusion sei, und Winnicott, schwer paranoid und vor angeblichen Verfolgern wie CIA und Vatikan irgendwo in der Wüste untergetaucht, muss wissen, wovon er spricht: es gibt ihn nämlich selbst gar nicht. Er ist das Produkt der bisweilen überschäumenden Fantasie des schwedischen Philosophen und Fabulierers Lars Gustafsson.

Lars Gustafsson ist 77 Jahre alt, er war Literaturkritiker und Philosophieprofessor und veröffentlicht seit über 50 Jahren selbst Gedichte und Romane. Die haben nicht ganz so verrückte Titel wie Winnicotts Werke, heißen aber auch ganz interessant: „Der Nachmittag eines Fliesenlegers“, „Die unnötige Gegenwart“ oder „Das seltsame Tier aus dem Norden“.

Lars Gustafsson sagt über sich selbst, er sei ein Philosoph, der die Literatur als ein weiteres Werkzeug benutzt. In jedem Fall beweist er, dass sich beides gut vereinbaren lässt. In seinen Erzählungen wird unaufdringlich philosophiert, über Leben und Liebe ebenso wie über Kunst, Literatur und die Natur des Universums und der Wirklichkeit an sich. Objektiv gesehen passiert dabei meist nichts Spektakuläres. Melodrama ist Gustafsson fremd, er hat einen recht nüchternen, unaufgeregten Blick auf die Welt, aber der Schalk sitzt ihm beim Fabulieren im Nacken und seine Geschichten sind alles anderes als geradlinig erzählt. Oft tarnt er sie als Aufzeichnungen seiner Protagonisten, die dann noch dazu nur unvollständig erhalten sind. So bleibt manches ambivalent und alles stets sehr subjektiv. Wer am Schluss eine eindeutige Auflösung des Geschehenen sucht, wird enttäuscht. Vielmehr gilt in Büchern wie „Der Dekan“ das Motto: Der Vorhang zu und alle Fragen offen. Das muss man mögen, aber Gustafsson ist ein guter Erzähler und seine Geschichten sind bei aller Intellektualität nie verkopft oder verquastet. Und er ist kein Schwafler. Seine Romane sind recht kurz und lesen sich geschmeidig, weil in seiner Prosa nicht nur der Philosoph, sondern auch der Lyriker in ihm durchscheint. Seine Sprache ist knapp, einfach und ausdrucksstark. Wie ein Gedicht beleuchtet sie oft nur Ausschnitte der größeren Geschichte, der Rest bleibt im Dunkeln, unausgesprochen, erahnbar, die Fantasie der Leser beflügelnd. Gerade dadurch gelingt es Gustafsson, eine dichte Atmosphäre zu erzeugen. Eines meiner größten Vergnügen beim Lesen seiner Bücher ist, dass ich schon in den ersten paar Sätzen richtiggehend in die Atmosphäre des Ortes versinken kann, den er beschreibt, sei es das Schweden der 1950er Jahre, ein Flussdelta im Senegal oder die University of Austin.

Lars Gustafsson erinnert mich wohlig an einen netten älteren Geschichtenonkel, umfassend gebildet, mit einem guten Sinn fürs Skurrile und einem feinen Humor ausgestattet. Wäre sein Gesamtwerk eine Langspielplatte, meine Anspieltipps wären „Die Tennisspieler“, „Die Sache mit dem Hund“, „Trauermusik“ und Gustafssons eigene Science-Fiction, die in ihrer Schrägheit auch gut von Anthony T. Winnicott stammen könnte, „Das seltsame Tier aus dem Norden“.

Lars Gustafssons Romane wurden von Verena Reichel wunderbar ins Deutsche übersetzt und sollten in den meisten Bibliotheken zu finden sein.

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