Quo vadis Farhad?

Heute ist alles anders ist zwar ein Satz den man meistens von älteren Menschen hört, nicht von einem 18-jährigen Flüchtling aus Syrien, doch in meinem Leben ist tatsächlich kein Stein auf dem anderen geblieben.

Als ich in Deir ez-Zor, einer blühenden Stadt am Euphrat aufgewachsen bin, war das Leben schön und Syrien noch ein stabiles Land. Doch seit ich etwa zehn Jahre alt war gab es permanent Aufstände, Bürgerkrieg und schließlich die Belagerung des IS. Ich habe in diesen Jahren gemeinsam mit meinem Vater als Traktor-Mechaniker gearbeitet, denn Deir ez-Zor ist umgeben von fruchtbarem Boden auf dem viel Landwirtschaft betrieben wird. Getreide und Baumwolle wird dort angebaut. Nun ist die Stadt vom IS besetzt und die syrische Armee kämpft um ihre Befreiung.

Schließlich musste ich fliehen, alles zurücklassen und die schwierige Reise nach Österreich antreten. Von Syrien bin ich erst in die Türkei und von dort, zusammen mit etwa 40 weiteren Flüchtlingen, auf einem Schlauchboot bis nach Griechenland gereist, bevor ich mit dem Zug weiter über Serbien bis nach Österreich gekommen bin.

Auch in Österreich bin ich noch viel herumgereist. Erst war ich 20 Tage in Traiskirchen, dann hat man mich nach Leoben verlegt, wo ich 29 Tage verbrachte, danach war ich für 8 Tage in Semmering und schließlich kam ich nach Graz, wo ich mit anderen minderjährigen Flüchtlingen, die ebenfalls ohne ihre Familien aus ihrer Heimat flüchten mussten, betreut wurde.

Das Leben in Graz war schön, ich habe dort viele Freunde gefunden und begonnen Deutsch zu lernen. Nach sieben Monaten hat man mich jedoch in ein Erwachsenenquartier im Bezirk Südoststeiermark verlegt, denn die Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen endet mit Erreichen der Volljährigkeit. Hier lebt man sehr isoliert und hat kaum die Möglichkeit sich zu integrieren. Wir dürfen nicht arbeiten, haben keine Gelegenheit zu lernen und es gibt auch keine Deutschkurse mehr. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als abzuwarten bis wir endlich Asyl oder Subsidiären Schutz erhalten.

Wie meine Zukunft ausschauen soll kann ich noch nicht sagen, dafür ist meine Situation zu ungewiss. Ein großer Wunsch von mir wäre eine Familienzusammenführung, doch das ist leider nicht mehr möglich, denn für über 18-Jährige gibt es keine Familienzusammenführung. (Anm. d. Red.: Da Österreich derzeit keine neuen Flüchtlinge aufnehmen möchte findet das Interview, bei dem entschieden, wird ob man Asyl-Status oder Subsidiären Schutz bekommt, erst nach Erreichen der Volljährigkeit statt, wodurch eine Familienzusammenführung verhindert wird.)

Die Menschen in Österreich sind sehr freundlich und es wäre schön in Graz leben und arbeiten zu dürfen. Hier kann ich mir eine Zukunft sehr gut vorstellen. Wie mein Leben wirklich in ein, zwei Jahren aussehen wird steht allerdings noch in den Sternen.


Farhad ist als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Österreich gekommen und wartet derzeit in einem Erwachsenenquartier im Bezirk Südoststeiermark auf seinen hoffentlich positiven Asylstatus. In der Serie ’Quo Vadis…’ teilt er seine Geschichte mit uns.

Links:

Deir ez-Zor wie es heute aussieht © Reuters (via aboflan.com)

Deir ez-Zor wie es heute aussieht. © Reuters (via aboflan.com)

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