Sport auf Dynamit

Thomas J. Hicks beim Marathon 1904 (wikimedia commons)

Thomas J. Hicks beim Marathon 1904 (wikimedia commons)

Früher waren die großen Sportevents ein wenig lockerer. Nicht nur, dass man während eines Spiels einfach mal ein Würstchen essen konnte. Auch andere Substanzen waren gerne mit am Start. Und hin und wieder erlaubte sich jemand einen kleinen Scherz.

So geschah es beim olympischen Marathonlauf im Jahr 1904. Sengende Hitze machte das Rennen zur Qual für die Läufer und das Trinken von Wasser galt damals als “schlechter Stil”. Als es den späteren Sieger Thomas J. Hicks bei Kilometer 24 das erste Mal dürstete, durfte er sich lediglich den Mund mit destilliertem Wasser ausspülen. Drei Kilometer später bekam er ein Milligramm Strychnin und ein Eiklar (Strychnin, das landläufig als Rattengift bekannt ist, galt damals aus legitimes Mittel zur Leistungssteigerung). Bei Kilometer 32 verabreichte man ihm zwei Eiklar und einen Schluck Brandy. Auf den letzten Kilometern gab’s dann nochmals zwei Eiklar und Brandy.

Als Tom Hicks schlussendlich ins Stadion einlief, stellte er zu seinem Bedauern fest, dass sich sein amerikanischer Landsmann Frederick Lorz bereits als Sieger feiern ließ. Dessen Siegestaumel währte jedoch nicht lange. Kurz vor der Siegerehrung wurde er beschuldigt, sich den Sieg erschlichen zu haben. Schuldbewusst gab er daraufhin zu, sich einen Scherz erlaubt zu haben. Lorz hatte bei Kilometer 14 mit schweren Krämpfen zu kämpfen gehabt. Er brach das Rennen ab und ließ sich von einem Auto mitnehmen. Als das Auto bei Kilometer 30 mit einem Motorschaden liegenblieb, entschloss Lorz kurzerhand wieder ins Rennen einzusteigen und überquerte als Erster die Ziellinie.

Lorz war als Schummler entlarvt, womit der Sieg Tom Hicks zufiel. Hicks war derart erschöpft, dass er aus dem Stadion getragen und medizinisch versorgt werden musste. Ohne die rasche Zuwendung mehrerer Ärzte wäre er vermutlich gestorben. Zweiter und Dritter wurden die US-Amerikaner Albert Corey und Arthur Newton, Vierter der kubanische Postler Andarín Carvajal, der vor dem Rennen noch seine Straßenhose abgeschnitten hatte, um passende Laufkleidung zu haben.

Bei aller Verrücktheit dieser Zeiten schien man die Sache mit dem Strychnin-Doping nicht besonders eng zu sehen. Im Sport ging es damals mehr um Härte als um Gesundheit. Immerhin war es auch bei der Tour de France im Jahr 1924 noch vollkommen normal, sich mit hochprozentigem Alkohol, Heroin, Strychnin, Amphetaminen oder Medikamenten für Zuchtbullen zu dopen. Der Radfahrer Henri Pelissiér, damals amtierender Tour-Sieger, brachte das wie folgt auf den Punkt: “Wir fahren auf Dynamit, an den Abenden tanzen wir in unseren Zimmern herum statt zu schlafen.”

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