Such Is Life #10 | Die Kunst der Furze

Flatulenzen sind in den meisten Kulturen ein Anlass zum Schämen. In Marokko dürfte das gesellschaftliche Tabu diesbezüglich derart streng sein, dass sogar Suizide dokumentiert sind, die auf „schlechtes Timing“ beim Abgang der Darmwinde zurückgeführt wurden. Umso erstaunlicher wirkt deswegen die Geschichte des Franzosen Joseph Pujol, der Ende des 19. Jahrhunderts einer der erfolgreichsten Künstler seiner Zeit war.

Joseph Pujol ca. 1890 (Wikipedia)

Joseph Pujol ca. 1890 (Wikipedia)

Joseph Pujol nannte sich selbst „Le Pétomane“, ein Künstlername, der sich auf seine Profession als „fartiste“, „flatulist“ bzw. „farteur“ bezog, und ins Deutsche übersetzt wohl „Furzomane“ bedeutet. Er verfügte über die erstaunliche Fähigkeit, kontrolliert Luft in seinen Darm einzusaugen, und in Form geruchsfreier Darmwinde wieder auszustoßen. Dabei konnte er nicht nur die Tonhöhe modulieren, sondern auch Länge und Intensität des Knatterns willentlich steuern.

Seine Fähigkeit erkannte er bereits in seiner Jugend und nutzte sie gelegentlich als junger Rekrut im Militärdienst oder bei seiner Arbeit als Bäcker zur Unterhaltung von Kameraden oder Kunden. 1887 wagte er dann den Schritt zu einer Bühnenkarriere. Der ehrgeizige Pujol kombinierte seine Darmwindkunst geschickt mit humoristischen Pointen und musikalischen Showeinlagen. Sein Programm hatte auch einiges zu bieten: Darunter waren Violinstücke, Kinderlieder, Hymnen sowie seine Interpretationen von Kanonenhagel, Donnergeräuschen und menschlichen Stimmen. Schließlich war sein Programm so gut und sein Erfolg so groß, dass er ein Engagement im Pariser Moulin Rouge bekam, wobei seine Gage um einiges höher gewesen sein soll, als die anderer namhafter Künstler seiner Zeit. Sein Ruhm führte ihn auch an Königshöfe und lockte zahlreiche Prominente in seine Vorstellungen.

1894 kam es zu rechtlichen Streitereien mit dem Moulin Rouge, wonach er seine eigene, fahrende Show ins Leben rief, mit der er einige Jahre erfolgreich tourte. Nach 25 Jahren professionellen Furzens zeigten sich jedoch körperliche Ermüdungserscheinungen. Immer wieder schlichen sich „falsche Freunde“ in die Aufführungen des Pétomanen und er musste auf einige Programmpunkte verzichten. Nach Ausbruch des ersten Weltkriegs wurde seine Profession anrüchig (Giftgasangriffe), und vier seiner Söhne wurden zur Armee einberufen und kamen nicht unbeschadet zurück.

Im September 1914 beendete er seine Karriere und wurde wieder Bäcker. Er starb 1945 im Alter von 88 Jahren. Sein Leben als Künstler wurde fünf Mal verfilmt und sein professionelles Erbe findet bis heute Nachahmer.

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