„Der Tod ist nicht grausam, nur schrecklich gut in seinem Job“

Dieser Beitrag wird uns von Markus Sammer präsentiert.

Für Fans der Scheibenwelt-Romane sind Auftritte des sympathischen Sensenmannes für gewöhnlich ein großes Highlight. Bücher wie „Reaper Man“ (dt. Alles Sense) oder „Hogfather“ (dt. Schweinsgalopp), in denen der Tod in den Ruhestand geschickt wird bzw. in die Rolle des Weihnachtsmannes schlüpfen muss, sind schlichtweg zum Totlachen. Doch als am 12. März diesen Jahres der stets in Großbuchstaben parlierende Gevatter kam, um seinen von uns so geschätzten und geliebten Autor Terry Pratchett zu holen, blieb uns das Lachen gehörig im Halse stecken.

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Terry Pratchett beim Signieren (Robin Zebrowski / wikimedia commons)

Terry Pratchett veröffentlichte seine erste Geschichte mit zarten 13 Jahren. Zu sagen, dass er wie ein Besessener schrieb, ist wohl keine Übertreibung. Im Laufe seiner Karriere verfasste er mehr als 70 Bücher, von denen der Großteil von der Scheibenwelt handelt, einer bizarren Parallelwelt, die von vier Elefanten getragen auf dem Rücken einer gigantischen Schildkröte durch das All treibt und von fantastischen Wesen wie Vampiren, Trollen, Zwergen und gerechten Despoten bevölkert wird. Der erste Scheibenwelt-Roman erschien vor 32 Jahren, der letzte, Nummer 41, soll posthum in diesem Jahr herauskommen. Bevor Harry Potter auf der Bildfläche erschien, war Terry Pratchett in den 1990ern der meistverkaufte Schriftsteller Englands. Für seine Verdienste wurde er 2008 von der Queen zum Ritter geschlagen. Bis zuletzt inspirierten seine Scheibenwelt Sachbücher, Verfilmungen, Conventions und vor allem Millionen von Fans. Dieser lang anhaltende Erfolg wäre unmöglich, wäre Terry Pratchett nicht a) ein fantastischer Schriftsteller gewesen und hätte sich b) sein Werk im Laufe seiner Karriere nicht deutlich weiterentwickelt. Darauf möchte ich hier ein wenig näher eingehen.

Ich wurde Mitte der 1990er durch einen Artikel in einer Spielezeitschrift anlässlich des Discworld-Adventures erstmals auf Terry Pratchett aufmerksam. Der Bericht enthielt auch ein kurzes Interview mit dem Autor, der mir bereits nach wenigen Sätzen sympathisch war – vielleicht weil er Computerspiele mochte. Wie ich erst viel später erfuhr, war er stolz darauf, bereits gezockt zu haben, als die Grafik noch aus ASCII-Zeichen bestand. Auch die Scheibenwelt wurde kurz vorgestellt und Pratchetts Romane charakterisiert als Douglas Adams mit mehr Substanz – ebenso saukomisch und abgedreht, aber sich nicht nur von Gag zu Gag hangelnd, sondern eine tatsächlich konsistente Welt schaffend und größere Themen behandelnd. Ich liebte Douglas Adams‘ Bücher, hatte aber schon fast alle gelesen, da lag es nahe, es mit der Scheibenwelt zu versuchen. Wie es sich gehört, begann ich mit dem 1983 erschienenen ersten Band, „The Colour of Magic“ (dt. Die Farben der Magie). Seither habe ich fast alle erschienenen Romane in chronologischer Folge gelesen, daher konnte ich die Entwicklung der Serie ganz gut nachverfolgen. Der Vergleich mit Douglas Adams lag anfangs tatsächlich nahe. Pratchetts Geschichten waren ebenso verrückt, saukomisch und nahmen die sonst oft so pathetische Fantasy gehörig aufs Korn. Ein Rezensent schrieb, die Scheibenwelt hätte weniger mit Tolkien gemein als mit Asterix, und das trifft es für die frühen Bücher ganz gut. Wie die besten Asterix-Bände nahmen sie sich ein Thema (wie Hamlet, Hollywood oder China) vor und zogen dies mit viel Wortwitz und Sinn für menschliche Schwächen durch den Kakao („The Last Continent“, in dem es den unfähigen Zauberer Rincewind auf den Kontinent XXXX aka Australien verschlägt, würde wunderbar auch als Asterix-Abenteuer funktionieren). Wie bei Rene Goscinny merkte man auch bei Terry Pratchett stets die Handschrift eines Autors, der die Figuren, über die er sich auf liebevolle Weise lustig macht, im Grunde ganz gern hat. Doch Pratchett blieb auf diesem hohen Niveau nicht stehen.

Bereits der dritte Discworld-Roman, „Equal Rites“ (dt. Das Erbe des Zauberers), in dem ein Mädchen die starren Geschlechterrollen der Scheibenwelt – nur Burschen dürfen Zauberer werden, für magiebegabte Mädchen steht nur der Karriereweg als Hexe offen – durchbricht, faszinierte mich nicht nur als gewohnt lustige Parodie, sondern auch als kluge und pointierte Auseinandersetzung mit dem Thema Gleichberechtigung. Diese Sozialkritik trat immer stärker in den Vordergrund, je mehr die Scheibenwelt mit jedem neuen Roman an Hintergrundgeschichte und Substanz gewann. Anstatt auf Gags und skurrile Charaktere setzte Terry Pratchett in seinen Büchern vor allem ab der Jahrtausendwende verstärkt auf eine kritische Auseinandersetzung mit ungerechten gesellschaftlichen Zuständen und Entwicklungen. Vordergründig mochten Zwerge und Trolle aufeinander einprügeln, dahinter steckte jedoch eine kluge Auseinandersetzung mit Themen wie Religion, Macht, Toleranz oder Rassismus, bei der die Witze der Botschaft dienten, nicht umgekehrt. Vor allem die letzten Scheibenwelt-Romane haben in ihrer Sozialkritik schon mehr mit Charles Dickens gemein als mit Douglas Adams, und lautes Gelächter wechselt sich beim Lesen oft mit tiefer Nachdenklichkeit ab. Sein Freund und Kollege Neil Gaiman schrieb, Terry Pratchett sei ein zorniger Autor – zornig über die Ungerechtigkeit der Welt und die Dummheit und Ignoranz der Menschen. Diesen Zorn lässt Pratchett in seinen letzten Büchern stärker denn je durchscheinen. In „Snuff“ (dt. Steife Briese) können Witz und Skurrilität der Scheibenwelt des Autors Verachtung für Menschen, die sich qua Geburt bereits für etwas Besseres halten und glauben, über dem Gesetz zu stehen und andere Wesen wie Waren behandeln zu können, nur mehr schlecht als recht verdecken.

Pratchetts Großes Wappen

Pratchetts Großes Wappen

Das Wichtigste dabei ist aber: Pratchetts Zorn ist nie zu Verbitterung oder gar Zynismus versauert. Er ist bis zuletzt ein Humanist geblieben, und die schrägen, unangepassten Charaktere, mit all ihren Schwächen und fragwürdigen Moralvorstellungen, wurden von ihm stets liebevoll geschildert und karikiert. Seine Verachtung galt Fanatikern, Snobs und Menschen, die lieber andere für sich denken lassen als selbst das Hirnkastl einzuschalten. Autoritäten stand er mehr als kritisch gegenüber und unsinnige Dogmen und Aberglauben entlarvte er wie die Monty Pythons bevorzugt dadurch, dass er den Unfug einfach konsequent und logisch zu Ende dachte. Terry Pratchetts eigener moralischer Kompass ist in diesem Zitat ganz gut auf den Punkt gebracht: „Evil begins when you begin to treat people as things.“ Dementsprechendes hatte er in Romanen wie „Going Postal“ (dt. Ab die Post) oder „Making Money“ (dt. Schöne Scheine) auch so einiges über die Auswüsche des neoliberalen Kapitalismus zu sagen.

Terry Pratchett hatte klare Vorstellungen davon, was richtig war und was falsch, wie das Zusammenleben funktionieren kann und wie nicht, wie man seine Mitmenschen und andere Geschöpfe behandeln sollte und wie nicht. Er vermittelte seine Standpunkte in seinen Geschichten klar und deutlich, ohne je den Zeigefinger zu erheben oder ins Predigen abzugleiten. Er war ein brillanter Autor, der es fertigbrachte, dass einen das Schicksal von Goblins oder Igors zu Tränen rühren konnte, und gleichzeitig ein subversiver Geist, der jeden Pathos durch Witz unterwanderte. Vermeintlichen Sicherheiten, althergebrachten Weisheiten und Traditionen der Marke „das ist halt so“ begegneten seine Figuren mit einer gesunden Portion Skepsis und der schärfsten Waffe, die uns Menschen zur Verfügung steht: einem neugierigen, aufgeschlossenen Geist. Wie der Autor selbst es ausdrückt: „The presence of those seeking the truth is infinitely to be preferred to the presence of those who think they’ve found it.“*

Terry Pratchett gab uns in seinen Büchern hunderte solcher kleinen, feinen, pointierten Weisheiten mit, die man sich am liebsten übers Bett hängen oder gut sichtbar auf die Handfläche tätowieren würde, so wertvoll sind sie. Der große Humanist erschuf eine Welt, die uns vom ersten Buch an in ihren Bann zog und zum Lachen brachte, aber damit begnügte er sich nicht. Er entwickelte die Scheibenwelt weiter zu einem Universum, in das man nicht nur eintauchte, um eine Pause von der Realität einzulegen und Spaß zu haben, sondern aus dem man Wertvolles über das Leben, die Menschen und die Gesellschaft mitnehmen konnte. Wie alle großen Werke der Literatur bereichert die Scheibenwelt unser Leben, indem sie uns es und uns selbst besser verstehen lässt.

Jetzt ist diese großzügige, wunderbare, weise Stimme für immer verstummt. Terry Pratchett wurde nur 66 Jahre alt. Bereits vor etwas mehr als 7 Jahren gab er bekannt, unter einer seltenen Form von Alzheimer zu leiden. Seitdem hat er sich sowohl finanziell als auch persönlich für die Erforschung von Demenzkrankheiten engagiert und geholfen, diese stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Nicht unumstritten sprach er sich auch für die Sterbehilfe aus. Bevor dieses Thema sich womöglich für ihn persönlich stellen konnte, ist der Autor jedoch im Kreise seiner Lieben inklusive Katze entschlafen. Es scheint also, als hätte der Tod seinem besten PR-Agenten zumindest ein gnädiges Ende beschert.

Terry Pratchett hinterlässt als Autor und Humanist eine Lücke, die nicht gefüllt werden kann. Aber er hinterlässt auch über 70 Bücher, die man immer und immer wieder lesen kann, und die unbezahlbare und dazu noch saukomische Lektionen über Menschlichkeit, Gerechtigkeit und – um hier einen anderen viel zu früh verstorbenen Autor zu zitieren – „Life, the Universe and Everything“ vermitteln. Daher überwiegt letzten Endes auch bei diesem letzten und ultimativen Auftritt von Gevatter Tod im Rahmen der Scheibenwelt das lachende Auge. Danke für alles, Sir Terry!

Fußnote

* Bitte Pratchett wenn möglich immer im Original lesen. Bei diesem Autor kann ein Übersetzer nur verlieren. Ich versuch’s hier gleich gar nicht.

Quellen

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