Tweeter, der Affenmann und der Boss

Dieser Beitrag wird uns von Markus Sammer präsentiert.

Oft ergeht es mir so, dass mir Dinge, die mich als Kind oder Jugendlicher verstört haben, am besten in Erinnerung/im Gedächtnis geblieben sind und heute zu meinen Favoriten zählen. Das ist bei Comics, Filmen und auch bei Liedern so. Ein perfektes Beispiel für letzteres ist der Song „Tweeter and the Monkey Man“ von den Traveling Wilburys.

Die Traveling Wilburys waren vermutlich die erste „Supergroup“, die ich richtig bewusst mitbekam. Sie bestand aus Jeff Lynne (Electric Light Orchestra), Roy Orbison, Tom Petty, George Harrison und Bob Dylan. Alles begann damit, dass Harrison, Lynne und Orbison beschlossen, gemeinsam einen Song als B-Seite für eine Harrison-Single aufzunehmen. Weil sie dafür kein teures Studio mieten wollten, gingen sie zu Bob Dylan, der zuhause ein privates Studio hatte und den Griller anwarf, während die anderen am Song arbeiteten. Schließlich forderte Dylan-Fan Harrison den Meister auf, doch nicht nur Getränke zu servieren, sondern sich auch am Songwriting zu beteiligen. Tom Petty kam dazu, weil George Harrison seine Gitarre in Pettys Haus vergessen hatte und von dort nicht nur das Instrument, sondern auch gleich Petty als letztes Mitglied der Wilburys mitbrachte.

Die Traveling Wilburys (v.l.n.r.: Lucky, Otis, Charlie T. Jr., Nelson und Lefty Wilbury) via fanart.tv

Die Traveling Wilburys (v.l.n.r.: Lucky, Otis, Charlie T. Jr., Nelson und Lefty Wilbury) via fanart.tv

Den in dieser Session entstandenen Song „Handle with Care“ befanden Gruppe und Plattenfirma für zu gut, um ein Dasein als B-Seite zu fristen. Weil auch die Band an der Zusammenarbeit eine Menge Spaß hatte, wurde beschlossen, ein volles Album zu machen, das prompt ein Riesenerfolg wurde und Hits wie „End of the Line“ hervorbrachte.

Ganz ernst nahm sich die Gruppe nie, so gaben sich die Musiker fiktive Wilbury-Namen (die sie auch noch zwischen den Alben wechselten) und ließen die Ex-Pythons Michael Palin und Eric Idle in den Covertexten launigen Nonsense über die Wilburys schreiben.

Vielleicht hat mich „Tweeter and the Monkey Man“ auch deshalb so verstört und fasziniert, weil es in diesem heiteren Umfeld eine ernste und eigentlich traurige Geschichte erzählt. Das Lied wird von Dylan gesungen und dürfte auch hauptsächlich von ihm geschrieben worden sein. George Harrison zur Entstehungsgeschichte: „… we were just sitting there around in the kitchen, and he [Dylan] was for some reason talking about all this stuff that didn’t make much sense to me … and we got a tape cassette and put it on and then transcribed everything they were saying.“ Das klingt genau so, wie man sich die Entstehung eines Dylan-Songs insgeheim schon immer vorgestellt hat.

„Tweeter and the Monkey Man“ ist eine ziemlich geradlinige Gangsterballade über ein Dealer-Pärchen und den Undercover-Cop, der ihnen auf den Fersen ist, und enthält neben starken, evokativen Bildern auch den einen oder anderen dylan-typischen Schnörkel. So wird angedeutet, dass sich die Beteiligten bereits seit ihrer Kindheit kennen und dass Vietnam-Veteran(in) Tweeter transsexuell ist. Für mich als Teenager war das damals nicht zuletzt dank Dylans nuschelndem Gesang (und ohne Internet) alles auf eine ganz wunderbare Weise viel zu hoch und nicht zuletzt beim Refrain, mit dem die Wilburys das Geschehen kommentieren wie ein griechischer Chor, liefen mir Schauer über den Rücken.

Doch der Song ist nicht einfach nur eine Gangster-Story, sondern wohl auch eine ironische Hommage an Bruce Springsteen, einen anderen begnadeten Geschichtenerzähler, den übermütige Menschen einst als „neuen Dylan“ tituliert hatten. Tatsächlich spielt die Geschichte von Tweeter und dem Affenmann in Springsteens Heimat New Jersey und es werden im Text zahlreiche seiner Songtitel zitiert, von „Stolen Car“ und „State Trooper“ über „Mansion On The Hill“ und „Thunder Road“ bis zu „The River“ und „Jersey Girl“ (stammt zwar von Tom Waits, aber bekannter ist wohl die Springsteen-Version). Ob, wie im Rolling Stone vermutet wird, Dylan mit diesem Song dem Emporkömmling aus New Jersey augenzwinkernd zeigen wollte, wer hier der wahre Boss ist?

Die Traveling Wilburys (minus des 1988 verstorbenen Roy Orbison) nahmen 1990 noch ein zweites Album auf (Vol. 3, kein Tippfehler). Danach lösten sie sich auf, und da mittlerweile leider auch George Harrison verstorben ist, ist mit einem Comeback nicht mehr zu rechnen. Da bleibt nur, die beiden alten Platten immer wieder mal aufzulegen und zu genießen. Tipp: Die „Traveling Wilburys Collection“, die eine erweiterte Version von Vol. 1 mit zwei wunderschönen Bonustiteln enthält.

Quellen

 

 

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