Wer ist Stüssi der Flurschütz?

Stüssi auf den Piatnik (C) Spielkarten

Stüssi auf den Piatnik (C) Spielkarten

Im April haben wir hier schon über die skurrile Geschichte der Bilder berichtet, die die Doppeldeutschen Spielkarten bis heute zieren. Der Kartenzeichner Schneider verwendete die Figuren der Schweizer Wilhelm Tell-Legende, um den subversiven Widerstand gegen die Herrschaft der Habsburger in Ungarn symbolisch darzustellen und zu unterstützen. Sein Vorbild war dabei Friedrich Schillers Drama über diesen schweizer Nationalmythos. So kam auch Stüssi der Flurschütz auf die Spielkarten, denn er war eigentlich kein Held in der ursprünglichen Legende, sondern mehr eine literarische Figur im Werk Schillers, die den Pathos einer Szene befeuern sollte.

Stüssi tritt erst relativ spät in Schillers Schauspiel auf. Er tritt an Wilhelm Tell heran, der zuvor seinen Entschluss, den Landvogten Gessler zu ermorden, für sich selbst innerlich bekräftigt hatte und auf diesen wartet. Im Kontrast zu Tell, der noch mit der moralischen Schwere seiner Entscheidung ringt, lädt Stüssi dazu ein, die Übel dieser Welt doch einfach zu vergessen:

Drückt Euch ein Kummer, werft ihn frisch vom Herzen,
Nehmt mit was kommt, die Zeiten sind jetzt schwer.
Drum muss der Mensch die Freude leicht ergreifen.
Hier wird gefreit und anderswo begraben.

Kostümentwurf für Stüssi den Flurschütz (Franz Gaul, 1875 via bildindex.de)

Kostümentwurf für Stüssi den Flurschütz (Franz Gaul, 1875 via bildindex.de)

Im weiteren Verlauf betratscht Stüssi den Tell über Unglücke und Wunderdinge, die sich im Land ereignet haben sollen, und lobt diejenigen, die sich nur um eigen’ Feld und Familie kümmern. Man könnte sagen, dass Stüssi die resignierte Stimme des Volkes repräsentiert, die die Tyrannei des Landvogts als unwiderruflich hinnimmt, sich ins kleine Leben flüchtet, wohingehend Wilhelm Tell die Konsequenzen zieht und zum Tyrannenmörder wird.

Nachdem Geszler durch Tells Pfeil tödlich verletzt ist, begrüßt Stüssi dennoch als Erster die neue Freiheit und kommentiert schließlich den Tod des bösen Vogts mit den Spottworten “Das Opfer liegt – die Raben steigen nieder“.

 

P.S.: Ein Flurschütz war ein mit polizeilichen Befugnissen ausgestatteter Bediensteter von Gemeinden oder Grundbesitzern, die zum Schutz von Feldern und Wiesen (etwa vor Dieben oder Wildtieren) ihren Dienst taten.

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