Aus den Augen, aus dem Sinn

Im 19. Jahrhundert hätte sich Chicago im US-Bundesstaat Illinois fast selbst in Fäkalien ertränkt. Dass es die Stadt heute noch gibt, ist dem Pioniergeist und Wagemut der Industrialisierung zu verdanken.

Bis 1830 war Chicago eine nette kleine Ortschaft mit etwa einhundert Einwohnern. Lange Zeit war der Ort nur ein Handelsposten, der die verkehrsgünstige Lage an den Wassertransportwegen des Michigansee und des Chicago River nutzte. Nach dem Bau der Ost-West Eisenbahnstrecke erhielt der Ort schnell den Ruf als „Tor zum Westen“.

Chesbroughs Kanalplanung von 1857 (via 99pi.org)

Chesbroughs Kanalplanung von 1857 (via 99pi.org)

Am 12. August 1833 wurde Chicago offiziell gegründet und bereits vier Jahre später mit seinen 4.200 Einwohnern zur Stadt erhoben. Bis 1860 war die Einwohnerzahl auf etwa 100.000 Menschen in die Höhe geschnellt. Immer mehr Menschen zog es in die Stadt, deren Infrastruktur die rasante Expansion nicht verkraften konnte. Die sanitären Umstände waren äußerst bedenklich, und schließlich brach im Jahr 1854 eine Cholera-Epidemie aus, die rund sechs Prozent der Bevölkerung das Leben kostete.

Eine Lösung musste gefunden werden und zwar schnell. Die Stadtverwaltung war für alle Vorschläge offen, denn andernfalls würde Chicago nicht mehr lange existieren. Ellis Chesbrough, ein Ingenieur aus Boston, machte den Vorschlag Chicago mit einem Kanalsystem auszustatten. Doch die Stadt stand auf einem sumpfigen Fundament, nur etwa einen Meter höher als der Michigansee. Chicago war schlichtweg zu flach für ein Kanalsystem.

Die Stadt

Der verwegene Ingenieur Chesbrough fand einen Ausweg. Er schlug vor, das Straßenniveau der Stadt um drei Meter zu erhöhen. Also begann man 1856 damit die Gebäude der Innenstadt auf Hubspindeln zu stellen und Chicago hochzuschrauben. Diese Praxis wiederholte man wieder und wieder, während das normale Leben ungestört weiterging. Geschäfte blieben offen und Hotelgäste wurden kurzerhand mit angehoben. Das Franklin House wurde sogar hydraulisch angehoben, was man Joseph Bramahs Errungenschaften in diesem Bereich der Technik zu verdanken hatte. Während die Häuser zwischen 1 bis 2,5 Meter in die Höhe wanderten, legten Maurer die Basis für das neu geplante Straßenniveau.

Ganze Straßenblöcke wurden auf einmal angehoben, und nach etwa 20 Jahren war das Zentrum der Stadt um durchschnittlich 1,5 Meter höher und die Kanalisation darunter funktionsfähig. Das ganze Vorhaben soll an die 10 Millionen US-Dollar gekostet haben, was nach heutigem Wert etwa 250 Millionen US-Dollar entspricht. Doch noch vor der Fertigstellung sah man ein, dass damit nicht alle Abwasser-Probleme der Stadt gelöst waren, denn die Kanäle flossen noch immer in den Chicago River, und dieser floss in den Michigansee und aus diesem entnahm die Stadt ihr Trinkwasser.

Daraufhin plante Chesbrough seinen nächsten Geniestreich. Er ließ eine Wasserbrücke errichten, um das Wasser des Michigansees in einer Entfernung von drei Kilometern zur Küste zu entnehmen – weit weg von der durch Fäkalien verschmutzten Mündung des Chicago Rivers. Über eine Entnahmestelle sollte das Trinkwasser durch einen Tunnel, sechs Meter unter dem Grund des Sees, zurück in die Stadt befördert werden.

Die Wasseraufnahmestation (via Ellis Chesbroughs Facebookseite)

Die Entnahmestelle am Michigansee (via Ellis Chesbroughs Facebookseite).

Die Wasserbrücke

1864 begannen die Bauarbeiten zu dem damals größten, längsten und tiefsten Tunnel, der je gebaut wurde. Es wurde 16 Stunden pro Tag händisch gegraben, dann legten Maurer in einer Nachtschicht den errungenen Vortrieb mit Ziegelsteinen aus. Bereits ein Jahr später war der Tunnel fertiggestellt und beförderte Trinkwasser ins Stadtinnere. Allerdings eröffnete in der Zwischenzeit die Union Stockyards am Südzweig des Chicago River ein 1,3 Quadratkilometer großes Areal mit Schlachthöfen und Fleischverarbeitungsfabriken, die alles, was sie nicht verarbeiten konnten, in den Fluss warfen. Dieser Südzweig des Flusses trägt noch immer den Beinamen „Bubbly Creek“, denn die auf dem Grund des Flusses verwesenden Tierkadaver erzeugten Methangas, welches aufstieg und Blasen an der Wasseroberfläche bildete. Gelegentlich entzündeten sich diese.

Immer wieder wurden Tierkadaver und andere Verunreinigungen bis drei Kilometer vor die Küste gespült und kontaminierten das Trinkwasser, welches dort entnommen wurde. Obendrein wuchs Chicago immer noch wie verrückt. 1880 lebten bereits eine halbe Million Menschen in der Stadt, was bedeutete, dass immer mehr Fäkalien im Michigansee landeten. Es blieb nur eine (verrückte) Lösung: Die Fließrichtung des Chicago River musste umgekehrt werden. Dies sollte Frischwasser vom See in die Stadt bringen und das Abwasser künftig in den Illinois River und weiter in den Mississippi fließen lassen.

Schematische Darstellung des Tunnels (via lindahall.org).

Schematische Darstellung des Tunnels (via lindahall.org).

Der Kanal

Um eine Umkehr der Fließrichtung zu ermöglichen, musste ein etwa 13 Kilometer langer Kanal errichtet werden, um das Wasser des Chicago Rivers in Richtung des Mississippi fließen zu lassen. Am 3. September 1892 war es schließlich so weit – eines der verrücktesten und ambitioniertesten Projekte fand seinen Spatenstich. Am „Shovel Day“ fanden sich über eintausend neugierige Zuseher ein, um den historischen Moment mitzuerleben. Ein Offizieller tätigte den Spatenstich mit einer vernickelten Schaufel, und gleich darauf wurden zwei massive Ladungen Dynamit gezündet. Diese sprengten die ersten Meter des Kanals frei, der die Richtung eines ganzen Flusses umkehren sollte.

Mehrere Teams von jeweils bis zu 8.700 Arbeitern waren gleichzeitig mit den Grabungen beschäftigt. Es brauchte Tonnen an Dynamit und enorme Baumaschinen, von denen einige eigens konstruiert wurden, um das Projekt zu realisieren. Während der Weltmesse 1893 pilgerten täglich tausende Touristen zur Baustelle, um sich selbst ein Bild von dem enormen Vorhaben zu machen.

Schließlich, am 17. Jänner 1900, wurden die Schleusen geöffnet, und fortan floss der Chicago River südwärts Richtung Mississippi. Chicago hatte den Kampf gegen die eigenen Exkremente gewonnen. Der Kanal und die Flussumkehr wurden später „Civil Engineering Monument of the Millennium“ genannt. In der Stadt feierte man den Triumph über die Natur, während man etwas weiter landeinwärts nicht mehr so begeistert von den Veränderungen war. Immerhin hat das Kanalprojekt die Landschaft von Illinois grob verändert, und die dort lebenden Menschen mussten sich plötzlich damit abfinden, dass Chicagos Abwasser durch ihr Land floss.

Nach dem Hochmut kommt der Fall

In den letzten Jahren ist der Wasserstand im Michigansee gefallen. So weit, dass kein Wasser mehr aus dem See in den Fluss rinnt. Dadurch wird sich die Fließrichtung des Chicago River höchstwahrscheinlich erneut umkehren. Der Grund für den niedrigen Wasserstand ist bislang nicht geklärt, viele vermuten eine Reaktion auf den Klimawandel. Abwassertechnisch stellt dies zwar kein ernsthaftes Problem mehr dar, es sollte uns aber zuallererst daran erinnern, dass wir die Natur nicht ohne Weiteres nach unseren Vorstellungen verändern können.

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