Draeish

Draeish war immer schon Selbstzweck. Wollte man ihn als „Admonter Aktionismus“ beschreiben, so käme man der Sache nahe. Was geschah, war das Schaffen junger Menschen, die nicht gewillt waren, Pläne zu schmieden oder ihre Energie in konforme Bahnen zu lenken. Mit Zeit, Raum und Werkzeug ausgestattet, entstanden im Herbst 2001 Tonaufnahmen einer Gruppe, die nichts Besseres zu tun hatte als ihrem Sein Ausdruck zu verleihen.

Session I

Voll geladen mit überdrehter Energie hätte damals niemand die Ruhe zur Gründung einer „echten“ Band mitgebracht. Zu viel der Arbeit, zu viel der Verantwortung, zu viel der Wiederholung – und zu kostbar war die Zeit, um sie mit gekünstelter Selbstinszenierung zu vergeuden. Doch eines Tages stand fest, dass sofort etwas getan werden müsse. Auch ohne Vorbereitung wurden genügend Dinge gefunden, mit denen sich Töne produzieren lassen, und ein altes Kassettendeck ersetzte nicht nur teure Aufnahmegeräte, es fügte sich auch perfekt in das Ensemble der gefundenen Instrumente.

Eine alte einsaitige Geige, eine lädierte fünfsaitige E-Gitarre, der Holzboden, Besteck und verschiedenste Kücheninstrumente dienten der Vertonung einer einzigartigen Stimmung, die alleine der Lautstärke wegen nur von Geschrei anstatt Gesang begleitet werden konnte. Nach dem Motto „Es wird, was es wird, und alles bleibt einzigartig“ wurde zudem vereinbart, dass jede Aufnahme ein fertiger Song sein sollte, und jegliche vorangehende Absprache zum Was und Wie feig wäre.

Nachdem der erste Song („Weg“) aufgenommen war, wurden passende Accessoires gefunden und Bandfotos gemacht. Da sich bereits die Richtung abzeichnete, in die es gehen würde, war auch ein Name schnell gefunden: draeish. Sicher spielte dabei die Anlehnung an Thrash-Metal, Dreck, Müll, Dreschen, etc. eine Rolle, doch war es die schöne Lautmalerei dieses Begriffs, der ihn passend scheinen ließ. Was sollten ein paar junge Burschen ohne große musikalische Bildung denn anderes machen als draeish?

Es folgten die Nummern „Draeish“, „Das Huhn“, „Psycho“, „Haenschenklein“, „Punk ist Tot“. Anschließend wurde ins Nachtleben von Admont untergetaucht, um später zu dritt wiederzukehren und noch vier Nummern aufzunehmen, denen jegliche Form fehlte.

Draeish über sich

In den darauf folgenden Tagen wurde versucht, eine Selbstinterpretation bereits vollzogener Taten vorzunehmen, sowie dem Kind ein Gesicht zu geben. Auf der Website eines Draeishers war als Grundprinzip von Draeish zu lesen:

Wir wurden und werden nie und nicht von Schafen belästigt. Wir machen keine Alternativmusik, sondern die Alternative zur Musik. Wir sind seriöse Geschäftsleute. KlobrillenTräger! Wir verwenden keine oder keine funktionierenden Instrumente (ausser Massenvernichtungsinst.).

Die auf selbiger Seite vorgenommene Beschreibung der Gründungsmitglieder sollte letztendlich auch die Seriosität des Unternehmens untermauern:

Painmaker

Erfahrungswerte: Old-School-Herd, Metall-WahWah, Bass, KuperÖlLeitungsExpressDraeishTrum
Hobbies: BilderBuchMalen, Draeishinstrumenteherstellung
Beschreibung: er ist schräg – er hat Haxn – er hat 2 Hände – er entzündet sich selbst
Lebenslauf: Kind: Volksschule der Qual Jugend: 1. Gymnasium des Zorns. 2. Draish-WerkZeugFabrik Jetzt: Verrichtet seinen Dienst in den heiligen Stätten der PissoireinbauGewerkschaft

riesenBlase

Erfahrungswerte: One-Site-Violin, Gitarr’, Gitarr’ akk., DosenScratch, ‘motherfucker’-crying
Hobbies: DosenÖffnen, KampfSchach, Omas entführen
Beschreibung: er ist böse – er liebt das Angeln – er entzündet sich gerne selbst – er zerstört sk8boards
Lebenslauf: Kind: Volksschule der Qual Jugend: Hauptschule der Planlosen – Poly der Hämmer – ÜKlasse der Lämmer – Borg des ‘ewgen Erz und HerzSchmerz Jetzt: Mutantenbetreunung auf Bali

die gartenSchere

Erfahrungswerte: Gitarre e., Bus, Massenvernichtungsinstrumente, MassageInstrumente
Hobbies: RiesenKrakenAufschlitzen, Kompostieren, reAnimieren, wegwandern
Beschreibung: er ist am Berg – er ist ein SchlammMolch – er ist entzückt
Lebenslauf: Kind: Volksschule der Bauernkunst Jugend: Gymnasium des Zorn Jetzt: MadenZuchtVereinsObmann

der Keilriemen

Erfahrungswerte: TodesBambusTrommel, TodesBambusSchlagzeug, StenkaMaschin’, DraeishA
Hobbies: LangLaufen, Schlittschuhlaufen, HinunterSandeln, LichtQuellen entdecken
Beschreibung: er ist fanatisch – er ist gigantisch – er ist nicht fotoHetero
Lebenslauf: Kind: Volkschule der ArgListigen Jugend: Gymnasium des Zorn Jetzt: ElektroZerstörungsTechtelmechtelGenialVertrauensPersonenMörder

sitzPinkler

Erfahrungswerte: TodesBambusTrommel, blutige Zahnrassel, ramboFressn
Hobbies: Rosen züchten, mit Karotten fangenspielen, Gartenschlauch in Oasch schiabm
Beschreibung: er ist regional – er ist vielleicht behindert – er trinkt HundePisse
Lebenslauf: Kind: Volksschule der Qual Jugend: Hauptschule der Planlosen – Poly der Hämmer – ÜKlasse der Lämmer – Borg des ‘ewgen Erz und HerzSchmerz – 6 Monate Urlaub am Bauernhof – Akln als elektrisierter StereoAnlagenbauerSohn Jetzt: BierTrinker, Verstunkener Bauer, HühnerRupfer

se Kinderfaenger

Erfahrungswerte: BassScratching, BassDraeishing, Bassasas
Hobbies: schlangenSchlucken, KinderOrgane verkaufen, schlangen Beschwören, Gatschhupfn
Beschreibung: er ist berger – er ist multikulti – er ist liebficker – er ist rammbock
Lebenslauf: Kind: Volkkschule der Meerjungfrauen Jugend: Hauptschule der Klärgrube – Hauptschule der Planlosen – ÜKlasse der Lämmer – Borg des ‘ewgen Erz und HerzSchmerz – Dechnigga Jetzt: professionelle TierEntstellung

se dudlSack

Erfahrungswerte: Huhn, Katze, Hund, Schaf, Stier, Schlangoroo, Schildkröte, AmSpies
Hobbies: Rinnsalbaden, pro Gram, Photonenkernspaltung
Beschreibung: er ist 28 – er ist 44 – er ist 72 – er ist doud – er isst einen papagei
Lebenslauf: Kind: Volksschule der Qual Jugend: Gymnasium des Zorn – HBLA des Vergessens Jetzt: RoboterZerstörungsKommandoEinheit

Session II … und weg

Einige Wochen später folgte ein neuerliches Treffen. Die Gruppe war nunmehr auf zwölf Personen angewachsen und der Tatendrang größer als je zuvor. Angeschleppt wurde ein Computergehäuse als Schlagwerk, ein Handy und eine gebrochene Blockflöte. Drei weitere Songs wurden aufgenommen, doch dann war die Motivation schnell verflogen. Der Wiederholungsbeweis war erbracht: “Ragarag“, “Brotmaschin” und “Voegerl” sind die letzten echten Zeugnisse von Draeish. Die weiteren Stunden wurden mit ausgelassenem Feiern verbracht, denn Menschen waren versammelt und die Arbeit getan.

In der Zeit nach Session II kam es immer wieder zu kleinen Zusammentreffen, um gemeinsam zu konzertieren. Diese Spin-Offs, die Namen wie “der absolute fettrest”, “draeish abort” oder “hockfressen feat. thaCule Mocha” trugen, konnten aus einer “draeish”-Perspektive jedoch nur von falschem Ehrgeiz getrieben worden sein. Diese Projekte waren zu detailverliebt, zu formgebunden – nicht draeish eben.

Draeish war weg. Spätestens mit der “Brotmaschin” war ein wenig Routine hörbar geworden, war der Totpunkt erreicht, an dem angehalten werden musste, bevor der Draeish sich selbst verraten hätte. Manche, die die Aufnahme hörten, fanden sie gut, fanden sie an-hörbar, fanden sie des Reproduzierens würdig. Im Kontext des Necro-Black-Metal-Projekt “Fleischmeister” wurde gar von Inspiration und Vergleichbarkeit gesprochen. Eine (un)würdiger Nachruf!

… und wieder?

Draeish war vor 14 Jahren. Der Geist dieser Zeit, in der die Zeltfest-Frequenz zu niedrig und die Dorfschlägereien kein geeignetes Mittel waren, ein Ventil jugendlicher Energie zu sein, ist verebbt. Doch es wartet anderwertiges Potential darauf vertont zu werden. Wenn der Druck aus der braven Befolgung der alltäglichen Benimmregeln, dem Verfolgen hochtrabender Berufsziele, dem Schaffen in vordefinierten Kanälen zu groß wird, wird der dræish wiederkehren. Und er wird sein, wie er sein wird.

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