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Umsicht

Dieser Beitrag wird uns von Julia Pagitsch präsentiert.

 

Umsicht
Julia Pagitsch
2013
Acryl/Kugelschreiber auf Bettlaken/Leinen
ca. 210 x 75cm
Privatbesitz (Cádiz)

DREHEN – SEHEN – VERSTEHEN

Eingehüllt in Traurigkeit verspüre ich den tiefen Drang mich in alle Richtungen zu bewegen, mich ständig zu drehen. Viel zu erblicken, anstatt langsam zu ersticken. Durchtränkt von innerer Erregung fang ich mich bedächtig an zu drehen. Öffne meine Augen, blicke nach links und wende mein Haupt. Gefolgt von meinen Schultern verschiebt sich allmählich mein bebender Brustkorb, welcher voller Inbrunst nach frischer Puste schnappt.

Voller Munterkeit dirigiert mein Gemüt die in sich verbundenen Zahnräder meines Leibes. Sie rattern, knattern, hallen, schallen, dröhnen, tönen ein schrilles Konzert, dicht vor Schmerz und Leidenschaft. Aus den flugs heranwachsenden Rissen sprießt der teure Lebenssaft, aus blutüberlaufenen Öffnungen quillt das fruchtige Fleisch. Vor Leid wendend verschieben sich die einst so eng zusammengefügten Bestandteile zu einer lang gestreckten und ausgedehnten, neuen Gestalt. Ich biege mich hinab und erspähe meinen Allerwertesten. Obenauf, mein sich vor Falten schlagender, in sich eingedrehter Torso.

Schwarz vor Augen und benebelt vom Geschehen versuchen sich die nagelneu platzierten Bausteine zu orientieren. Ich kann es kaum begreifen: So jungfräulich und ungetragen fühlt sich mein kitzelndes Gerüst an. Oh ja! So wie einst aus Mutters Scheide. Doch was spür ich da? Ich kann es kaum fassen… wohl eine bezaubernde Veränderung … oder mag das eine reizende Ergänzung sein? Satt entzückt und zutiefst befriedigt hat sich bereits mein Herz übergeben und mein jodeljubelndes Sprechorgan speit lauthals all die farbenfrohen Töne aus: „Ich, ich, die Glückliche, bin nun endlich sorgenfrei! Denn ich bin ein Gesamtkunstwerk der steten Umsicht!“

 

 

Umsicht (in Arbeit 10/2013)
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