Der Fluch von Flug 870

Am Abend des 27. Juni 1980 stürzte eine DC-9 der italienischen Fluglinie Itavia auf dem Weg von Bologna nach Palermo bei der Insel Ustica ins Meer. Alle 81 Flugzeuginsassen kamen ums Leben. Grund für den Absturz war eine Explosion. Aber fand diese im Inneren des Flugzeugs statt, oder wurde die DC-9 von einer Rakete getroffen?

Eine DC9 der Itavia

Eine DC9 der Itavia

Da im Luftraum über dem Tyrrhenischen Meer an jenem Abend Militärflugzeuge verschiedener Nationen unterwegs waren, gibt es eine ganze Reihe von Spekulationen, die von einem Luftkampf, in den die Maschine geraten war, bis zu einem missglückten Anschlagversuch reichen, der eigentlich das Flugzeug des libyschen Präsidenten Gadaffi hätte treffen sollen.

Route von Itavia Flug 870 (via italianaware.blogspot.co.at)

Route von Itavia Flug 870 (via italianaware.blogspot.co.at)

Expertengutachten kommen zu unterschiedlichen Schlüssen, das Wrack wird erst Jahre später gefunden, die Spekulationen darüber, was passiert sein könnte, schießen ins Kraut – so weit das übliche Chaos nach einem solchen ungeklärten Unglück. Einzigartig dürfte jedoch die Zahl der unnatürlichen Todesfälle im Dunstkreis des Absturzes in den folgenden Jahren sein.

Ich zitiere hier mal die Auflistung aus der Wikipedia:

  • Am 8. August 1980 starb Oberst Pierangelo Tedoldi bei einem Verkehrsunfall. Er war der designierte neue Kommandant der Luftwaffenbasis von Grosseto, auf der am Abend des 27. Juni 1980 die Abfangjäger der Piloten Nutarelli und Naldini landeten, die zuvor bei Florenz den Weg der abgestürzten DC-9 gekreuzt hatten.
  • Am 9. Mai 1981 starb Hauptmann Maurizio Gari mit 37 Jahren an Herzversagen. Er war in der Nacht des 27. Juni einer der drei Offiziere in der Radarstation von Poggio Ballone bei Grosseto gewesen.
  • Am 23. Januar 1983 kam der Bürgermeister von Grosseto, Giovanni Battista Finetti, durch einen Autounfall ums Leben.
  • Am 20. März 1987 wurde der Luftwaffengeneral und Abteilungsleiter im Verteidigungsministerium, Licio Giorgeri, der sich in der Absturznacht in einem Spezialflugzeug für elektronische Kriegführung über Ustica befunden hatte, von einem Terrorkommando erschossen. Später stellte sich heraus, dass der Anführer des Mordkommandos vom Innenministerium bezahlt worden war.
  • Am 30. März 1987 wurde Feldwebel Alberto Dettori erhängt an einem Baum gefunden. Er war in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni einer der Wachhabenden in der Radarstation von Poggio Ballone.
  • Am 28. August 1988 starben die Piloten Ivo Nutarelli und Mario Naldini beim Unglück von Ramstein. Die beiden Piloten hätten eine Woche später vor dem Untersuchungsausschuss zu Itavia-Flug 870 aussagen sollen.
  • Am 1. Februar 1991 wurde Luftwaffenfeldwebel Antonio Muzio erschossen. Er war 1980 in der Radaranlage von Lamezia Terme beschäftigt.
  • Am 2. Februar 1992 starb Luftwaffenfeldwebel Antonio Pagliara bei einem Autounfall. Er war 1980 in der Radaranlage von Otranto beschäftigt.
  • Am 2. Februar 1992 stürzte der Geheimdienstoffizier Sandro Marcucci, der am Abend des 27. Juni 1980 im Einsatzstab Dienst hatte, vor seiner Vernehmung mit einem Sportflugzeug ab.
  • Am 12. Januar 1993 wurde Luftwaffengeneral Roberto Boemio in Brüssel von unbekannten Tätern erstochen. Der mittlerweile pensionierte Offizier war am Abend des 27. Juni 1980 Kommandant des regionalen Einsatzzentrums in Martina Franca und galt als wichtiger Zeuge.
  • Am 21. Dezember 1995 wurde Franco Parisi erhängt an einem Baum gefunden. Er war 1980 in der Radaranlage von Otranto beschäftigt und hatte wenige Tage zuvor eine Vorladung zur Aussage vor Gericht erhalten.

Das alles ist eigentlich schwer zu glauben und Wasser auf die Mühlen von Verschwörungstheoretikern. Selbst Italiens Präsident Napolitano meinte im Juni 2010, dass es „Spuren einer Verschwörung“ im Umfeld des Absturzes gäbe. Sein Vorgänger Cossiga hatte Journalisten einen Monat zuvor geraten, ihre Recherchen zum 30. Jahrestags des Unglücks besser im Ausland zu betreiben – nicht, dass sie noch eine Lebensmittelvergiftung oder einen Autounfall erlitten.

Flugzeugtrümmer von Flug 870 (wikimedia commons)

Flugzeugtrümmer von Flug 870 (wikimedia commons)

In Italien ist die Sache immer noch ein heikles Thema – kein Wunder. Auch die Vorstellung, dass das Unglück von Rammstein mit 70 Toten und ca. 1000 Verletzten vielleicht gar kein Unfall war, ist einfach nur monströs. Dabei wäre Flug 870 keineswegs die erste Passagiermaschine, die vom Militär abgeschossen wurde. Vom sowjetischen Abschluss von KAL-Flug 007 (verfilmt u. a. als „Todesflug KAL 007”) über den Abschuss von Iran-Air-Flug 655 durch die Amerikaner bis zum Malaysia-Airlines-Flug 17 vor 2 Jahren in der Ukraine ist die Liste des Schreckens ziemlich lang.

Allerdings dürfte Itavia-Flug 870 der einzige Absturz sein, der noch Jahrzehnte später Todesopfer forderte.

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