Afrikanisches Tagebuch #2 Schauen, Bremsen, Gas geben, Ausweichen

Nairobi, 04.09.2019

Gestern Abend fuhr ich mit Palvi noch ins Westgate Einkaufszentrum. Dies ist eine Shopping Mall, wie sie üerall anders auf der Welt auch stehen könnte. Fährt man hinein, wird das Fahrzeug (wir waren mit Palvis Auto unterwegs, denn Einheimische, die es sich leisten können, fahren nur mit dem Auto – obgleich man dabei ob des verrückten Verkehrsaufkommens in Nairobi mehr im Stau steht als fährt) jedoch mit Sensoren und Hunden durchsucht, da das Westgate Einkaufszentrum 2013 Ziel eines Bombenanschlags der radikalislamischen somalischen Al-Shabaab-Milizen wurde, da es jüdischen Unternehmern gehört. Freiheit sieht anders aus! Jedenfalls besorgten wir dort eine Telefon-SIM-Karte für mich und Lebensmittel in einem Supermarkt in dem hauptsächlich Weiße und Inder einkauften. Danach gingen wir köstlich in ein äthiopisches Restaurant essen.

Heute brach ich mit meinem persönlichen Fahrer Isaac – er ist der Fahrer von Palvis Schwester, welche gerade in London weilt, weswegen er nicht viel zu tun hat – zu einer Nairobitour auf. Ich ging mit ihm ins Nationalmuseum, das neben einer Vogelausstellung, welche von sich behauptet, alle in Kenia permanent vorkommenden Vogelarten sowie einige Zugvögel als Präparat ausgestellt zu haben, eine sehr gute naturkundliche sowie historische Sammlung aufweist. Letztere gibt sehr gute nationale – also nicht aus der Sicht der Kolonisatoren – Einblicke in die Geschichte Kenias.

Im Garten des Museums befindet sich ein Reptilienzoo, in dem ich erfuhr, dass hier in freier Wildbahn diverse Arten von Mambas und Kobras sowie die Puffotter, Afrikas gefährlichste Giftschlange, vorkommen. Sehr beruhigend! Isaac und ein Wärter ließen es sich nicht nehmen, mir eine Python um den Hals zu hängen.

Anschließend führte mich Isaac noch ins Zentrum und bestand darauf, mir das Regierungsviertel, den Bahnhof, den Gedächtnispark, an dem bis zum verheerenden Bombenanschlag (wie hier üblich verantwortlich dafür Al-Shabaab) 1998 die US-Botschaft gestanden war sowie den zentralen Uhuru- (=Freiheit) Park zu zeigen. Stolz erzählte er mir dabei über seine Heimat. Es stellte sich heraus, das das Zentrum Nairobis sich ebenso in jeder anderen Metropole außerhalb der westlichen Industrienationen befinden könnte. Als ich ihn bat, etwas typisch kenianisches essen zu können, führte er mich in einen Supermarkt, wo wir an der Essenstheke diverse Gerichte und frischen Mangosaft erhielten, die man in einem kleinen Speiseraum beim Ausgang zu sich nehmen konnte.

Als wir am Heimweg im üblichen Stoßverkehrsstau standen, fragte mich Isaac, ob mir auffällt, das niemand hupt. Und tatsächlich: nichts geht weiter, alles steht, aber kaum einem fällt es ein, zu hupen, was Isaac damit erklärte, dass man im kenianischen Verkehr aktiv sein müsse: schauen, bremsen, Gas geben, ausweichen, wogegen hupen überhaupt nichts bringe.

Mit Palvi hatte ich ausgemacht,noch klettern zu gehen, also packte ich mich zuhause nur schnell zusammen und bestellte mir übers Internet ein Uber-Taxi. Uber-Taxis sind hier mittlerweile die gängigsten Taxis und tatsächlich sehr einfach, zuverlässig und sicher. Ich fuhr also zur „Kletterhalle“ im Dachgeschoss eines indischen Einkaufszentrums. Kenia besitzt eine kleine aber enthusiastische und kompetente Bergsteigergemeinde, welche im „Mountain Club of Kenya“ (MCK) organisiert ist, der hier auch seine Bibliothek eingerichtet hat. Die Kletterhalle ist winzig, mit einem kleinen Boulderbereich und ein paar Wänden mit Nachstiegsrouten, da die Halle mit ihren etwa acht Metern Höhe fürs Vorsteigen zu niedrig ist. Wie an allen Orten außerhalb des Zentrums die ich bisher gesehen habe, waren auch hier Nicht-Afrikaner weit überrepräsentiert.

Die „Kletterhalle“ wurde von einer internationalen kletteraffinen Menge bevölkert. Etwas verwirrt durch die US-amerikanische Bewertung der Routen kletterte und boulderte ich ein wenig herum, ehe wir anschließend noch mit einigen Freunden des MCK in ein indisches Restaurant essen gingen. Jeden ersten Mittwoch im Monat veranstaltet der MCK nämlich „Climb and Curry“ wobei zuerst gemeinsam geklettert und dann eben indisch gegessen wird. Ich bestellte in Erinnerung an Palvis und meine gemeinsame Zeit in Bangalore, wo wir uns vor 16 Jahren kennengelernt hatten, ein „Bangalore Masala Dosa“, meine indische Lieblingsspeise, welche ich seit meinem letzten Aufenthalt dort nicht mehr gegessen hatte, da man in europäischen Indischen Restaurants fast immer nur nordindische Küche bekommt. Mmhhmmm war das lecker!

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