Freitag, Februar 26, 2021
Diary

Stereo Total ertönt nur noch Mono

Françoise Cactus (via musikexpress.de)

Wir schreiben das Jahr 1997. Ich war zwar rechtlich bereits volljährig, aber deswegen noch lange nicht erwachsen. Planlos irgendwo zwischen Pubertät, Unvernunft und zarten Knospen menschlicher Reife herum schwebend, suchte ich mein Glück in einem Studium an einer Universität, an die ich nicht hingehörte. Die ganze Welt lag vor mir, mir aber auch gleichzeitig zu Füßen.

Da kommt eine Freundin von mir mit einer CD an, die ich mir unbedingt anhören soll. Am Cover sitzt eine junge Frau nackt auf einem Hundefell mit Kopf in einer Wiese. Sie tschickt lässig, hat eine große 80er-Jahre-Sonnebrille im dunklen Haar und blickt neckisch ins Nichts.

Auf dem Album mit dem unscheinbaren Titel Monokini singt sie in deutsch mit französischem Akzent, in den ich mich einfach verlieben musste, Textzeilen wie:

„Wie soll ich, wie soll ich, wie soll ich, wie soll ich mich nach dir sehnen
Wenn du stets, wenn du stets, wenn du stets, wenn du stets bei mir bist?“

oder

„Ich werde das Haus anzünden
Die Nachbarn ärgern sich
Und die Geschäfte plündern
Nur Blödsinn mache ich!“

Das war Balsam für meine unentschlossene, spätpubertäre Seele. Daneben sang sie noch auf französisch, italienisch und sogar japanisch. Nur auf englische Texte wartete man vergeblich.

Die Frau die musikalisch so herzzerreißend wütete, melancholisch war, schrie, hasste und liebte, sich gegen den Mainstream verwehrte, aufbegehrte, zürnte und feierte, spielte dabei auch noch Schlagzeug. In ein musikalisches Genre pressen, ließ sich das Gehörte nicht. Mal klang es nach Punk, dann war´s Elektro, hatte Anflüge von Minimal aber auch von Polka und noch vielem mehr – kurz gesagt – es klang ziemlich verrückt. Nur eines war es gewiss nicht: Mainstream. Dafür aber herrlich tanzbar.

So unbeschreiblich und nicht zu kategorisieren wie diese Musik war auch die Frau die dahinter stand: Françoise Cactus. Geboren 1964 in einem kleinen Dorf im Burgund als Françoise van Hove brachte sie ihr Studium erstmalig nach Deutschland, wo sie sich 1985 in Berlin nieder ließ. Sie wurde Teil der dortigen Hausbesetzerszene. 1993 lernte sie beim Einkaufen vor einer Bäckerei in Kreuzberg Brezel Göring kennen, der ihr kongenialer Partner und Kompagnon wurde. Gemeinsam gründeten sie Stereo Total, deren zweites Album sie Monokini nannten.

Das Konzept der Band war relativ einfach: Instrumente durften nicht mehr als 50 Mark kosten, dafür wurde alles nur Erdenkliche als solche verwendet. Virtuosität galt es ebenso zu vermeiden wie englische Texte und alles Zeitgeistige. Als Ideengeber bediente man sich gerne Plattenkisten auf Flohmärkten und Studioaufnahmen hatten den allgemein gültigen technischen Standard tunlichst zu unterschreiten. Dafür wurde nur bei kleinsten Labeln produziert, die sich jedoch überall auf der Welt befanden. So eroberte Stereo Total zwar nicht die Kommerzradiostationen, was ihnen sowieso hochnotpeinlich gewesen wäre, dafür aber eine weltweite treue Fangemeinde. Dies spiegelte sich in ausgiebigen Tourneen wider, die sie unter anderem bis nach Südamerika und Japan brachten.

Françoise Cactus‘ Leben war wie ihre Kunst (sie schrieb auch Hörspiele, Geschichten und Romane und war als Zeichnerin aktiv): lebensfroh, direkt, launisch, in keine Schublade passend, eigenwillig mit einem gut dosierten Stück Verrücktheit.

Am 17.02.2021 fand diese Verrücktheit nach langer, schwerer Krankheit ein Ende. Mit Françoise Cactus starb ein prägender Teil meiner späten Jugend. Möge ihr unfassbarer Geist noch lange durch den Äther wirbeln. R.I.P.

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One thought on “Stereo Total ertönt nur noch Mono
  1. Danke für diesen bewegenden und persönlichen Nachruf, Wolli! Das erste Mal Liebe zu dritt (das Lied mein ich) war auch in meinem Leben ein einschneidendes Erlebnis. Au revoir, Françoise!

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