Freitag, November 27, 2020
Diary

Wolli im Wunderland. Tagebuch einer Indienreise #11

Teil 11: Männer in Lungis, ein beschissener Strand und Schnaps zum Runterspülen

 

18.09.2000

Nach ausgiebigem, erholsamem Schlaf erwache ich äußerst erfrischt. Zum Frühstück im Hotel Paris gibt es ein volles indisches Buffet mit Idlis, Wadas, Sambar, Porridge und frischen Früchten, dazu Chai und Kaffee, obgleich Hans und ich die einzigen Gäste zu sein scheinen. Heute soll es endlich einmal ein feiner Strandtag werden.

Ranesh sitzt bereits wieder an der Rezeption und liest. Er gesellt sich kurz zu uns, wünscht uns einen guten Morgen und bittet uns, ihm nach dem Frühstück unsere Pässe zu bringen, damit er uns offiziell einchecken kann. Wir genießen zunächst in vollen Zügen das herrliche Frühstück und holen dann unsere Pässe aus dem Zimmer. Ranesh nimmt sie an der Rezeption entgegen, wirft einen Blick darauf und und bemerkt freudestrahlend: „Ah, Austria! Home of Wolfgang Amadeus Mozart and Adolf Hitler.“ Damit ist er der erste Mensch hier, der bei Erwähnung von ‚Austria‘ als unserem Herkunftsland nichts über Kängurus sagt. Bisher haben wir stets die Erfahrung gemacht, dass ‚Austria‘ immer mit ‚Australia‘ verwechselt wird. Ein Irrtum, den wir bisher nur hin und wieder aufklären konnten, weswegen wir oft bereits dazu übergehen, gar nicht erst zu versuchen, ihn zu korrigieren. Und plötzlich sitzt da im letzten Kaff an der Küste von Karnataka ein Hotelrezeptionist der nicht nur weiß, dass Mozart Österreicher ist, was man ja eventuell noch erwarten könnte, sondern auch, dass Hitler Österreicher war. Ich drücke meine Freude darüber aus, dass er Österreich kennt, worauf er ganz lapidar meint, dass er ein Land mit derartig großartiger Kulturgeschichte natürlich kenne. Als ich ihm von den ständigen Verwechslungen mit Australien erzähle, meint er: „You must understand, people here are not very educated. For them Austria is too small to know. But anyway it doesn’t matter where people come from. It only matters which kind of people they are. There are only two kinds of people, you know?: Stupid people and intelligent people. Mozart was intelligent but Hitler was very stupid.“ Erstaunt frage ich ihn, woher er weiß, dass Hitler Österreicher war. „I studied history in Thiruvananthapuram. My special subject was World War II. I wrote my thesis about the submarine war of the Nazis. But then my uncle died, he was the owner of this hotel and he did not have children. So I came here. As the owner of the hotel I can make my living and have a lot of time to follow my studies.“ Mein Blick fällt auf das Buch auf seinem Tisch. Es ist irgendein Schmöker auf englisch über Europa in der Zwischenkriegszeit. Ranesh beginnt von seiner Diplomarbeit zu erzählen und wir lernen so einiges über den U-Boot Krieg der Nazis im 2. Weltkrieg – vom Hotelbesitzer in einem winzigen Strandnest im Süden Indiens.

Wir fragen Ranesh nach dem Strand, und er erklärt uns den Weg. Auf unsere Frage nach Marihuana meint er, dass es hier keines gäbe. Eventuell in Mangalore aber auch dort wisse er keine Quelle. Also packen wir unsere Badesachen und machen uns auf den Weg zum Strand. So leer die Hauptstraße von Ullal gestern Abend gewesen ist, so bevölkert ist die Kreuzung vor dem Hotel heute. Direkt gegenüber ist ein Taxi- und Rikschastand an dem zahlreiche Fahrer auf Touren warten. Einige Verkaufskarren stehen kreuz und quer am Straßenrand und Fußgänger, Schulkinder und Kühe bevölkern die Szene. Kaum treten wir aus dem Hotel, scheint es, als ob die bewegte Szene einfrieren würde und alle Augen sich auf uns richten. Es wirkt, als hätte sich die Nachricht unserer Ankunft bereits wie ein Lauffeuer im kleinen Ort verbreitet. Schon ertönen die ersten lauten „Taxi, Taxi!“- und „Rikscha!“-Rufe zu uns herüber, dabei wollen wir doch nur einen gemütlichen Tag am Strand verbringen. Schnell biegen Hans und ich also in den Feldweg ein, der die Hauptstraße vor dem Hotel kreuzt und über den wir laut Ranesh zum Strand kommen würden, um dem Trubel zu entgehen. Wir folgen dem Weg und schon bald werden die Häuser weniger und er endet an einer kleinen mit Bodendeckern und niedrigen Sträuchern bewachsenen Düne. Wir erklimmen sie und dahinter kommt tatsächlich ein graugelber Sandstrand zum Vorschein.

Männer im Lungi (via bolly-wood.de)

Er scheint menschenleer zu sein, doch nein, einige Meter zu unserer Linken hockt ein Inder bei den Büschen nahe der Düne. Er hat seinen Lungi hochgeschoben und verrichtet offensichtlich gerade sein Geschäft. Also schaue ich nach rechts und auch dort sitzt ein Mann allerdings mitten am Strand und kackt unverblümt in den Sand. Hans und ich sehen uns kurz gegenseitig an und treten zusammen von der kleinen Düne auf den Strand. Bereits nach wenigen Schritten steige ich fast in den ersten Kothaufen. Etwas weiter steigt der nächste Mann von den Dünen herab, hockt sich auf den Strand und schiebt seinen Lungi hoch. Das ist kein Strand, das ist ein Scheißhaus! „Scheiße!“, verleihe ich meinen Gedanken Ausdruck und starre Hans Hilfe suchend an. „Das kannst laut sagen!“, meint dieser resigniert, „baden geh ich hier sicher nicht.“ „Nein, keine gute Idee“, meine auch ich, „was machen wir?“ „Keine Ahnung, jedenfalls einmal weg von hier“, spricht Hans und geht zurück über die Düne. Am Weg zum Hotel beschließen wir, dann eben gleich die geplante Wanderung in die Westghats  zu organisieren. Wir gehen gar nicht mehr zurück ins Hotel, sondern nehmen sofort am Rikschastand das nächstbeste Fahrzeug und fahren nach Mangalore, um noch ein paar notwendige Dinge zu besorgen. Auch der Rikschafahrer kann uns auf Nachfrage kein Gras organisieren. Ullal scheint einer der wenigen – wenn nicht der einzige – Ort hier zu sein, an dem es kein Marihuana für Ausländer gibt.

In Mangalore fallen wir nicht so auf wie in Ullal, weswegen wir nach unserer Ankunft zunächst einmal gemütlich einen Chai bei einem Straßenstand trinken. Anschließend spazieren wir durch die unattraktive aber nicht unangenehme Stadt und kaufen alles mögliche, von dem wir meinen, es könnte uns auf unserer Wanderung hilfreich sein, naschen frisches Obst auf einem Markt, essen ein köstliches Thali und gönnen uns ein süßes Mangolassi in einem Restaurant.

Mangalore (via Wikimedia Commons)

Zurück im Hotel Paris fragt uns Ranesh, wie es am Strand gewesen sei. Auf unsere Erklärung, dass es hier keinen Strand gebe, sondern nur eine riesige öffentliche Toilette, meint er ganz lapidar: „Yes, many families here don´t have toilets in their houses.“

Als wir ins Zimmer gehen wollen, um alles für die geplante Wanderung vorzubereiten, spricht uns ein geschniegelter Inder im etwas zu groß geschnittenen dunklen Anzug an: „Hello! How arr yu? Wherre du yu come frrom? My name is Akshay“, und streckt uns seine speckige Hand zur Begrüßung hin. Etwas überrumpelt, drücken wir diese und beantworten seine Fragen, obgleich uns ein schnell ausgetauschter Blick mitteilt, dass wir ihn beide nicht sonderlich sympathisch finden. Es folgt die übliche Austria-Australia-Verwechslung mit halbherzigen Korrekturvesuchen durch Hans und mich. Akshay textet uns damit zu, dass er Geschäftsmann aus Kerala im Immobilienbereich sei, geschäftlich in Mangalore zu tun habe für seinen Aufenthalt aber die Ruhe von Ullal vorziehe. Ich überlege mir gerade, wie wir uns ihm am besten entziehen können, als er mich aufhorchen lässt: „Have yu alrready drunk feni? You must trry, it is booze frrom coconut.“ Hans scheint es ähnlich zu ergehen wie mir, denn er platzt heraus: “No, do you have one?“ „Wait herre, I will get forr yu! Don´t move!“, entgegnet Akshay, dreht sich um und verlässt das Hotel.

Nach einiger Zeit kommt er mit einem schwarzen Plastiksack in der Hand wieder, in dem es vielversprechend klimpert. „Come with me to my rroom“, erklärt er uns, „we can´t drrink herre. Is not allowed.“ Obgleich ich die Argumentation etwas ungewöhnlich finde, folge ich wie auch Hans Akshay in dessen Zimmer. Dort fördert er eine große Flasche klarer Flüssigkeit und drei kleine Flaschen 7Up neben drei Plastikbechern zutage. „So this is famous feni frrom Kerala!“, erklärt Akshay mit stolzem Ton, während er uns einschenkt. „Trry!“, fordert er uns auf und reicht uns die Becher. „Gin, gin!“, stößt mit uns an und kippt sich seinen Ex hinter die Binde. Ich gehe etwas vorsichtiger vor, schnuppere und nehme einen kleinen Schluck. Uuaaarrgghhh, ,ist das grauslich! Ein ekliger Fusel. Hans geht es offensichtlich gleich wie mir. Von unserer merklich negativen Reaktion unbeeindruckt fährt Akshay fort, Feni zu preisen: „Feni is frrom Kerala. Today they say it is frrom Goa but this is only because therre arr turrists. Also they make it frrom Cashew nut. But cashew nut is not frrom India. Orriginal feni is coconut! There is also arrakh. Do you know arrakh? Arrakh is also booze made frrom palm trrees. But feni is much better. Is morre orriginal. Do yu like it?“ „No, not really“, japse ich, während es mich noch vor Ekel schüttelt, „it´s very strong!“ „Well, than yu have to mix it with lemonade“, klärt mich Akshay auf, öffnet ein 7Up, schenkt mir einen kräftigen Schluck Feni nach und gießt etwas Limo dazu. „Trry now!“, kommt wieder seine Aufforderung. Ich nehme einen kleinen Schluck und nun schmeckt das ganze wie bitteres, verhunztes 7Up, ist aber zumindest trinkbar, vor allem nachdem ich noch ein wenig Limo nach geschenkt habe.

Entfliehen gibt es jetzt natürlich keines mehr und so verbringen wir den Rest des Tages saufend mit Akshay in dessen Zimmer. Er fährt fort, Feni im Speziellen und indischen Schnaps im Allgemeinen sowie seine keralische Heimat zu preisen und sich selbst als unglaublich tollen Typ dar zu stellen, wobei eine ernst zu nehmende Kommunikation auf Augenhöhe nicht zustande kommt, da er primär seinen Text runter rattert, auf Fragen oder Kommentare unsererseits aber nicht eingeht. Wenigstens habe ich den Feni, der mit zunehmender Menge und ordentlich mit 7Up verdünnt immer erträglicher wird. Während auch Hans das Teufelszeug nur gemischt hinunter bekommt, leert sich Akshay einen nach dem anderen pur in den Rachen und wird dementsprechend schnell besoffen. Als uns das 7Up ausgeht, torkelt er bereits ein wenig zur Türe und ruft laut und herrisch mir Unverständliches auf den Gang hinaus. Einige Minuten später kommt ein Junge mit einem Plastiksack ins Zimmer und bringt Nachschub. So trinken wir weiter und hören uns Akshays Geschichten an. Er wird immer zudringlicher, seine Erzählungen immer schwachsinniger und als er kaum mehr stehen kann, möchte er sich mit uns verbrüdern. Glücklicherweise ist die Feniflasche bereits leer und so schaffen wir den Absprung, nicht ohne von Akshay – mittlerweile lallend – für morgen zu einem neuerlichen Umtrunk eingeladen zu werden.

Wir gehen – auch nicht mehr ganz nüchtern – in unser Zimmer und mein letzter Gedanke, bevor ich in den tiefen Schlaf eines Trinkers falle, ist: „Mal schauen, was mein Kopf morgen dazu sagt!“

Glossar:

  • Arrakh – Destillat aus Palmfrüchten
  • Chai – Tee, üblicher weise mit Milch und sehr viel Zucker zubereitet
  • Feni – Kokosschnaps
  • Idli – gedämpftes Reisküchlein
  • Kerala – der südwestlichster Bundesstaat Indiens
  • Lungi – ein Wickelrock, typische Männerbekleidung in Indien
  • Mangolassi – Trinkjoghurt mit Mango
  • Rikscha – Kleintaxi für 2 bis 3 Personen. Es gibt Rikschas, die von Hand gezogen werden, Fahrradrickschas oder dreirädrige Rickschas mit Zweitakt- Ottomotor.
  • Sambar – Linsensoße mit Tamarinde, ein alltäglicher Begleiter zu südindischen Mahlzeiten
  • Thali – indisches Gericht aus Reis und mehreren regional unterschiedlichen weiteren Bestandteilen zumeist Soßen und Chutneys, oft als Tagesmenü in Restaurants angeboten
  • Thiruvananthapuram – Hauptstadt des indischen Bundesstaats Kerala
  • Wada – frittierter Donut aus Urdbohnen

 


Ich heiße Wolfram, aber meine Freunde nennen mich Wolli. Im Jahr 2000 reiste ich das erste Mal nach Indien. Mein treuer Reisepartner war mein bester Freund Hans. Gemeinsam entflohen wir einer tiefgreifenden Existenzkrise, die uns damals in Österreich erfasst hatte. Es war meine erste große Auslandsreise, die mich über die Grenzen Europas hinaus brachte. Als solche war der Trip für mich eine unglaubliche Horizonterweiterung und Bereicherung, der eine bis heute andauernde Liebe zu diesem Land, in dem es nichts gibt, was es nicht gibt, entfachte. Hiermit möchte ich Euch, werte LeserInnen, in Form meines Tagebuches an dieser spannenden und ereignisreichen Reise teilhaben lassen.

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