Such Is Life #12 | I Just Wanted to Get Away From It All

Wer hat noch nicht davon geträumt: Auf dem Weg in die Arbeit einfach das Gaspedal durchzudrücken und in den Süden zu fahren. Blau machen und alles vergessen. Sich an den Strand legen und Cocktails mit kleinen Schirmchen trinken. Die Füße in den Sand stecken und bleiben so lange das Geld reicht.

© Dennis Cimillo

William Cimillo © Dennis Cimillo

William Cimillo, ein Busfahrer aus der Bronx, hat diesen Traum wahr gemacht. Eines Morgens im Jahr 1947 rollte er mit seinem Bus aus der Garage und anstatt rechts abzubiegen bog er links ab. Mr. Cimillo war 38 Jahre alt und hatte drei Söhne als er sich seinen Bus zwei Wochen lang für einen 2.100 Kilometer-Abstecher „auslieh“.

Nach 16 Jahren bei der Surface Transportation Corporation of New York hatte Cimillo genug von der monotonen Arbeit als Busfahrer. Jeden Tag die gleichen Leute, die gleichen Haltestellen, Fahrkarten verkaufen, Wechselgeld zurück geben und wieder von vorne.

Cimillo fuhr zunächst nach Westen, über die Washington Bridge nach Jersey, wo er frühstücken ging – wie er es später beschrieb – an einem besonders schönen Frühlingstag.

© Dennis Cimillo

William Cimillo © Dennis Cimillo

Als er fertig gegessen hatte fuhr er nicht zurück in die Bronx sondern auf der US Route 1 Richtung Süden. Unterwegs änderte er seine Anzeigetafel von „Subway“ auf „Special“. Cimillo fuhr zunächst bis Washington, wo er seinen Bus direkt vor das weiße Haus parkte um einen Spaziergang zu machen. Danach machte er sich weiter auf den Weg Richtung Süden. Unterwegs traf er auf einen Autostopper der nach Florida wollte. Also steuerte Cimillo seinen Bus Richtung Florida wo er zwei Tage später seinen Begleiter absetzte. Cimillo trieb es weiter Richtung Süden. Schließlich erreichte er Hollywood etwas nördlich von Miami, wo er spät nachts im Licht des Mondscheins ein Bad im Atlantik nahm.

Da ihm das Geld ausging, versuchte Cimillo am nächsten Tag sein Glück beim Pferdewetten. Es ist unklar wie viel Geld er setzte, verlassen hat er die Rennbahn mit 2 Dollar und 60 Cents. Daraufhin hat er von der nächsten Western Union ein Telegramm an seinen Arbeitgeber geschrieben: „With disabled bus No. 1310. In need of 50$. Send money to Hollywood, Florida. Cimillo.“

Jedoch kamen anstatt des bestellten Geldes zwei Polizisten die ihn wegen des Diebstahls seines Busses festnehmen wollten. Cimillo dementierte zwar er habe den Bus nicht gestohlen, die Surface Transportation Corporation habe ihm den Bus gegeben, er habe nur einen Abstecher damit gemacht. Er wurde dennoch verhaftet.

Nach der Festnahme wurden zwei New Yorker Detectives und ein Mechaniker nach Florida geschickt um Cimillo mitsamt seinem Bus wieder nach New York zurück zu bringen. Die Aufgabe des Mechaniker war es den Bus zu fahren. Doch wie Cimillo später erzählte konnte der Mechaniker nicht gut mit dem Steuer umgehen was die Detectives nervös machte. Deshalb haben sie Cimillo wieder ans Steuer gesetzt der den Bus bis kurz vor New York fuhr, bevor sie den Mechaniker wieder ans Steuer ließen und Cimillo Handschellen anlegten.

Während der Zeit in der sie den Bus zurück nach New York fuhren, hat sich die Geschichte wie ein Lauffeuer verbreitet und Cimillo ist von der Presse zu so etwas wie einem Volkshelden stilisiert worden:

  • The Daily News: „It must have been a wonderful trip and we hope Bill’s boss will try to understand.“
  • New York World Telegram: „We know just how he felt. Who hasn’t yurn for escape, for change, for fairer scenes.“
  • Traverse City Eagle: „Across the nation today, thousands of office workers and laborers went to their humdrum jobs with hearts a little lighter because of what William L. Cimillo did, to escape the same kind of boredom that fills their ordered lives.“

Als der Bus sein Ziel, die Beach Street Police Station in Manhatten, erreichte warteten bereits hunderte Menschen darauf Cimillo zuzujubeln.

© Dennis Cimillo

Die Menge trägt Cimillo auf Händen. © Dennis Cimillo

Das mögliche Strafausmaß für Cimillos Abstecher betrug zehn Jahre Haft. Unerwarteterweise organisierten seine Kollegen, die Busfahrer von New York, eine Spendenaktion um die Rechtsgebühren von Cimillos Prozess zu bezahlen. Loyalitätsbekundungen in Form von Briefen und Telegrammen aus dem ganzen Land trafen ein. Bald hatte sich auch die Surface Transportation Corporation dazu entschlossen die Anklage fallen zu lassen und ihm seinen Job zurück zu geben.

Am ersten Tag an dem Cimillo wieder arbeitete warteten lange Menschenschlangen an den Bushaltestellen. Die Leute wollten alle mit Cimillo mitfahren oder ein Autogramm von ihm.

© Dennis Cimillo

Begeisterte Menschen vor Cimillos Bus. © Dennis Cimillo

William Cimillo hatte viel riskiert und dabei unglaubliches Glück. Er hat einen Bus gestohlen, ist für zwei Wochen abgehauen, verhaftet worden und am Ende ist ihm nichts passiert. Wahrscheinlich weil die Menschen die Geschichte liebten und sich mit ihm identifizieren konnten.

Cimillos Familie konnte die Begeisterung der Massen nicht teilen. Zwei Wochen lang machten sie sich Sorgen und dachten William sei etwas zugestoßen. Sein Sohn Richard hat es ihm nach eigenen Aussagen nie verziehen, dass er nicht zumindest angerufen hat. Lediglich sein Bruder Dennis, der zu dem Zeitpunkt noch ein Kleinkind war und keine Erinnerung an seine weinende Mutter und Großmutter hat, schwärmt von der Aktion seines Vaters. Für ihn ist er immer noch ein Held, der sich von den Fesseln des Alltags losgerissen hat. Sein Ordner mit Zeitungsausschnitten über William Cimillo trägt die Aufschrift Dad’s Event.

Nachdem Cimillo seinen Job zurück bekam fuhr er 16 weitere Jahre seinen Bus durch die Bronx. Ohne Abstecher. Von einem Journalisten wurde er später gefragt, ob er nicht manchmal darüber nachdenke anstatt rechts abzubiegen wieder links abzubiegen und noch einmal allem zu entfliehen. Cimillo meinte dazu: „Yes I’ve thought about it. But when you tell somebody a joke, it’s never as funny the second time.“

© Dennis Cimillo

Cimillos Bus Nr. 1310 © Dennis Cimillo

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