Freitag, September 23, 2022
Diary

Englischer Abgang

Einen Engländer macht man in der Regel nicht in einem Hotelbett in Bristol, sondern auf Partys oder bei sonstigen geselligen Zusammenkünften durch grußlosen Abflug. Je nach beteiligten Personen und möglicherweise auch Grad der Alkoholisierung wird dies von den anderen entweder als grobe Unsportlichkeit oder kolossale Erleichterung wahrgenommen.

Nachdem wir neulich im Freundeskreis wieder einige Engländer-Anekdoten zum Besten gegeben haben, habe ich mich aber mal gefragt, woher dieser feine Ausdruck für eine eher unfeine Geste eigentlich kommt. Gleich vorweg: Ganz konkret herausfinden konnte ich es nicht. Aber eine Annäherung gibt es zumindest.

Ein Engländer beim typischen grußlosen Abgang. (via img.welt.de)

Das Interessante ist nämlich, dass es die Redewendung beileibe nicht nur in Österreich gibt, sondern in vielen Ländern – aber immer mit anderen Nationalitäten. In Deutschland spricht man beim gleichen Sachverhalt wahlweise je nach Region vom polnischen, französischen oder holländischen Abgang*, in England vom französischen und in Frankreich vom – aha! – englischen.

Bei diesen geografischen Verortungen wird schnell klar, woher der Wind weht: Stets wird dem ungeliebten Nachbarn und möglicherweise Rivalen das unhöfliche Verhalten unterstellt. Dazu würde passen, dass die Redewendung vermutlich im 19. Jahrhundert entstanden ist, also im Zeitalter des aufkommenden Nationalismus.

Bleibt nur eine große Frage offen: Warum macht man bei uns dann den Engländer und nicht den Deutschen oder von mir aus den Italiener, Schweizer oder Burgenlandler? Was für Beef haben wir mit den Engländern? Meine wild daherspekulierte Vermutung wäre, dass wir einfach das französische filer à l’anglaise übernommen haben – schließlich war das Französische zu jener Zeit ja der heiße Scheiß in feinen Kreisen. Ich stelle mir außerdem vor, dass das große Habsburger-Österreich damals außerdem einfach keinen Nachbarn als ebenbürtig genug empfand, um ihn überhaupt mit einer Schmähung zu würdigen. Aber damit habe ich das Land des halbwegs gesicherten Wissens schon lange hinter mir gelassen und stehe mindestens an der Grenze zum Reich der Fabel. Und deshalb mach ich jetzt einen Engländer.

*Fun Fact: Seit dem Brexit hat sich bei unseren Nachbarn auch der uns wohlbekannte englische Abgang eingebürgert, meint aber das genaue Gegenteil, nämlich sich verabschieden und dann einfach nicht gehen.

Quellen: