Deutsche Sprache, schwere Sprache #4 – Der Sittenstrolch

Der Strolch (Ferdinand von Rayski/19. Jh. via wikimedia commons)

Der Strolch (Ferdinand von Rayski/19. Jh. via wikimedia commons)

Eine lebende Sprache ist immer in Bewegung. Erfolgreiche Kommunikation erfordert daher, sich im Klaren darüber zu sein, mit welcher symbolischen Bedeutung ein Wort beladen ist bzw. wie es verstanden wird. Dabei sollte man sich nicht unbedingt an der Wortherkunft orientieren, denn die kann trügerisch sein.

Ein gutes Beispiel für eine etymologische Falle ist das Adjektiv „billig“. In der Umgangssprache steht es für „preiswert“, oder abwertend gemeint für „einfallslos“, wie in „ein billiger Trick“. Ursprünglich stammt es jedoch vom althochdeutschen „billīh“ ab, was etwa soviel heißt wie „angemessen“. Dementsprechend war „billig“ bis ins 19. Jahrhundert eher positiv konnotiert, und wird bis heute in der Rechtssprache als Ausdruck für Gerechtigkeit verwendet. In der Umgangssprache blieb diese Bedeutung lediglich dahingehend bestehen, dass man „etwas billigen“ kann, sich also mit einer Sache einverstanden erklärt.

Doch auch wenn sich die aktuelle Bedeutung eines Wortes manchmal nicht daraus ergibt, sind kleine etymologische Recherchen oft sehr amüsant. Vor kurzem kam mir das Wort „Sittenstrolch“ in den Sinn, woraufhin ich nachschlagen musste – mit erstaunlichen Resultaten. Die verkehrsübliche Bedeutung war mir klar: „Sitte“ steht für (sexuellen) Anstand und gutes Benehmen, und „Strolch“ für Gauner, Strizzi, Schlingel, oder ähnliches. So beschreibt auch der Duden einen Sittenstrolch als „Mann, der Frauen oder Kinder sexuell belästigt“.

Spürt man dem Wort „Strolch“ weiter nach, so treten erstaunliche Dinge an den Tag. Dem Etymologen A.J. Storfer zufolge, leitet es sich vom lateinischen „astrologus“, also „Sternenkundiger“ ab. Die These lautet, dass schwäbische und schweizerische Söldner das Wort im 15./16. Jhdt. in den deutschen Sprachraum mitgebracht hätten: In der Lombardei bedeutet „strolago“ nicht nur „Astrologe“, sondern auch „Herumtreiber“. Verlässt man sich zu sehr auf die Bücher, könnte man nun annehmen, ein Sittenstrolch wäre ein „Sittenastrologe“, also eine Person, die „gesellschaftlich verbindliche Benimmregeln aus den Gestirnen liest“. Gnade, dem, der so verstanden werden will!

Schlägt man im guten, alten Zedler Universallexikon nach, findet man leider nichts zu Strolchen. Über „Astrologus“ berichtet es sehr wohl:

Herkules verbrennt sich selbst am Scheiterhaufen (Gilles Rousselet/17. Jh. via wikimedia commons)

Herkules verbrennt sich selbst am Scheiterhaufen (Gilles Rousselet/17. Jh. via wikimedia commons)

Astrologus, ein Bey-Name des Herculis, den er bekommen, weil er sich auf einen Scheiterhaufen setzte, und verbrennen ließ, da als ein guter Astronomus vorher wußte, daß denselben Tag eine Sonnen-Finsternis kommen würde. Felius VIII. Sein Absehen war die Ehre, indem es ihm zu einem grossen Ansehen gereichen würde, wenn gleich auf seinen Tod die Sonne verfinstert würde, da denn die Menschen glauben würden, daß diese Finsterniß seinetwegen erfolgt wäre. (Zedler, Band 2, Seite 1003).

Zurück zum Anfang. Sprache ist in Bewegung, und man kann sich nicht darauf verlassen, dass alle Wörter immer das bedeuten, was sie ursprünglich bedeutet hätten. In Bezug auf den Sittenstrolch stellt sich mir jetzt nur noch eine Frage: Wenn eine der größten Veränderungsmotoren unserer Zeit die Gleichstellung der Geschlechter ist, und wir dazu angehalten sind, gendergerechte Formulierungen zu verwenden, warum habe ich dann noch nie von einer Sittenstrolchin gehört?

Weiterführende Links / Quellen

  • Paraschkewow, Boris (2004): Wörter und Namen gleicher Herkunft und Struktur. Berling: de Gruyter Verlag.
  • Zedler-Lexikon
  • Duden Online

Mehr zur schweren Sprache

One thought on “Deutsche Sprache, schwere Sprache #4 – Der Sittenstrolch

Comments are closed.