Montag, August 3, 2020
Diary

The Orville – Die beste Star-Trek-Serie seit Jahrzehnten ist gar keine

Die furchtlose Crew der Orville

Star Trek erlebt dank Discovery und Picard gerade eine kleine Renaissance auf dem kleinen Bildschirm. Aber die beste Star-Trek-Serie seit Jahrzehnten ist gar keine.

Der Typ, der Family Guy und Ted gemacht hat, macht eine Science-Fiction-Serie und spielt auch gleich noch selbst die Hauptrolle als Captain. Der erste Offizier ist seine Ex und dazu tummeln sich noch die üblichen paar Außerirdischen und der unvermeidliche Roboter in der Crew. Na und?

Die furchtlose Crew der Orville
Die furchtlose Crew der Orville (via manonamission.de)

Ich gestehe, es hat gedauert, bis ich The Orville eine Chance gegeben habe. Auch wenn ich seit dem Ende von Star Trek: TNG auf der Suche nach einer würdigen neuen Science-Fiction-Serie mit demselben Spirit bin, klang die Prämisse von The Orville jetzt nicht sooo berauschend. Ist halt der nächste Abklatsch der Star-Trek-Formel, dachte ich. Mann, lag ich Lichtjahre daneben!

Sicher, The Orville ist eigentlich nichts anderes als Star Trek: Das Nächste Jahrhundert im realzeitlich nächsten Jahrhundert. Die Serie präsentiert genau dieselbe grundoptimistische Vision einer künftigen Überflussgesellschaft, die sich völlig losgelöst von wirtschaftlichen Zwängen ganz auf die Erforschung des Weltraums konzentrieren kann. Es gibt Replikatoren, Holodecks und sogar eine alleinerziehende Mutter als Schiffsärztin. Und trotzdem ist The Orville anders, denn es bricht und bereichert die Star-Trek-Fantasie mit Seth-McFarlane-Humor. Da nennt der Captain als sein Vorbild in Sachen Leadership Kermit den Frosch. Oder sie schauen am großen Bildschirm alte Seinfeld-Folgen, wenn im All grad nichts los ist.

Aber, und das ist das Entscheidende: Die Crew der Orville zeigt – gerade im allseits beliebten Bereich „Liebe und Beziehungen“ – mehr menschliche Schwächen, als man sie von fiktiven Raumschiffbesatzungen normalerweise zu sehen bekommt, aber Captain Mercer und Co sind keine Weltraumkasperln. Das ist eine durch und durch intelligente und kompetente Crew – vor allem aber ist jede(r) Einzelne von ihnen grundsympathisch.

Orville. Immer wieder gern gesehen: Prominente Gaststars. Ist das rechts etwa…?
Immer wieder gern gesehen: Prominente Gaststars. Ist das rechts etwa…? (via robots-and-dragons.de)

Wo die neuen Filme und Serien im Star-Trek-Universum gerne auf Düsternis, ambivalente Charaktere und übergreifende, epische Storylines setzen, geht The Orville genau den umgekehrten Weg: Wie die Enterprises von Kirk oder Picard erlebt die Orville jede Woche ein neues Abenteuer, das philosophische Fragen, Science-Fiction-Ideen oder einfach nur die Beziehungen der Crew untereinander behandelt – und das voller Menschlichkeit, mit einem grundlegenden Zukunftsoptimismus und, ja, auch mit der Naivität, die die alten Star-Trek-Serien ausgezeichnet hat. Dazu ist vor allem bei McFarlane die fast kindliche Freude zu spüren, selbst mal Raumschiff Enterprise spielen zu können.

Trotzdem ist The Orville keine holprig gemachte Fan-Fiction. Das ist eine durch und durch kompetente Serie, gemacht von Leuten, die wissen, was sie tun. Ich würde sagen, The Orville ist zu Star Trek, was Indiana Jones zu klassischen Hollywood-Abenteuerschinken war: Liebevolle Hommage, gelungene Parodie und zeitgemäße Weiterentwicklung gleichermaßen.

Ich will hier gar nicht den schalen Stehsatz bemühen, dass diese Art von Unterhaltung gerade in Coronazeiten extrem guttut. The Orville wäre zu jeder Zeit mehr als sehenswert. Es serviert Altbekanntes, aber mit einem witzigen neuen Dreh. Es hat die lässigste Raumschiffbesatzung seit Firefly, sprüht vor Charme und ist teilweise zum Schießen komisch. Ich könnte nicht glücklicher damit sein. Es ist die Star-Trek-Serie, die ich mir immer gewünscht habe, ohne es zu wissen.

Wo kann man’s sehen? (Stand März 2020): The Orville ist auf Deutsch auf Pro7 zu sehen. Im Original ist Staffel 1 in Amazon Prime Video enthalten. Die ersten beiden Staffeln gibt’s auch in der Grazer Stadtbibliothek auf DVD (wenn die mal wieder offen hat). Die dritte Staffel kommt erst.