Afrikanisches Tagebuch #9 Wolfgang Ambros

Diani Beach, 17.09.2019

Nachdem ich gestern einen Ruhetag zwischen all meinen Abenteuern hier eingelegt hatte, den ich nur bei Palvi zuhause verbrachte, ging es heute wieder weiter im kenianischen Unterhaltungsprogramm. Die letzte Woche meines Urlaubs würde ich am Meer verbringen, um einen Tauchkurs zu absolvieren, am Strand die Seele baumeln zu lassen und meine bisherigen Eindrücke – die ja nicht gerade wenig waren – zu verarbeiten.

Bereits um dreiviertel sieben Uhr morgens holte mich Kiparo, der mich bereits bei meiner Ankunft hier am Flughafen erwartet hatte, ab, um mich zum Nairobi Terminus der neuen, modernen Normalspurbahn, die Nairobi mit Ostafrikas wichtigstem Hafen in Mombasa verbindet, zu bringen.

Diese neue Bahnstrecke wurde 2017 eröffnet, nachdem sie von chinesischen Investoren in Rekordzeit aus dem Boden gestampft wurde. Sie ist mit Kosten von mehreren Milliarden US-Dollar das teuerste jemals in Kenia verwirklichte Infrastrukturprojekt und schickt sich an, das Transportwesen in Kenia zu revolutionieren. Die Fahrtzeit von Nairobi nach Mombasa wurde durch sie von gut zwölf auf fünf Stunden reduziert und erstmals seit Jahrzehnten gibt es wieder Züge als massentaugliche Verkehrsmittel im Land.

Ich sollte eine Stunde vor Abfahrt des Zugs am Bahnhof sein, was mich zunächst verwunderte. Als ich ankam, wurde mir jedoch bald klar, warum. Um überhaupt in den Bahnhof hinein zu kommen muss man sich einem mehrstufigen Sicherheitscheck unterziehen, gegen den die klassischen Sicherheitsvorkehrungen auf Flughäfen als Lappalie erscheinen. Zunächst wird das Fahrzeug an der Einfahrt zum Parkplatz optisch und mit Detektoren untersucht. Alsdann müssen alle Passagiere ihr gesamtes Gepäck auf langen Ablagen auflegen, wo es von mehreren Spürhunden beschnüffelt wird. Danach kommt das Gepäck durch ein Röntgengerät und die Passagiere müssen durch einen Metalldetektor gehen. Stichprobenartig werden Gepäckstücke auch noch geöffnet und genauer untersucht. Ich musste zwei kleine Schnapsflaschen, die ich als Mitbringsel eingepackt hatte, abgeben, da es verboten ist, Alkohol in den Zug mit zu nehmen. Sie wurden in einer Liste verbotener Gegenstände notiert, und es wurde mir mitgeteilt, dass ich sie nach meiner Rückkehr wieder ausgehändigt bekommen würde. Mal sehen! Außerdem musste ich mein Feuerzeug abgeben, das ebenfalls zu den gefährlichen Gegenständen gezählt wird. Das Klappmesser, das sich in meinem Handgepäck befand, wurde interessanterweise nicht beanstandet.

Nachdem ich all diese Prozeduren hinter mich gebracht hatte, kam ich schließlich in den eigentlichen Bahnhofsbereich, wo ich mir zunächst das zuvor übers Internet gekaufte Ticket am Automaten ausdrucken musste. Mit dem Ticket konnte ich schließlich durch Drehkreuze ins eigentliche Bahnhofsgebäude. Wenn man dachte, nun gehe man einfach zum Zug, hatte man jedoch weit gefehlt. Am Weg zum Bahnsteig gab es eine weitere Sicherheitskontrolle bei der sämtliches Gepäck noch einmal geröntgt wurde. Dabei fiel den zwei Männern an der Schleuse nun auch mein Klappmesser auf. Ich musste meinen kleinen Rucksack öffnen, und einer der beiden begann auf mein Messer zu deuten und in meinem Rucksack herum zu fuchteln, während der andere ungerührt weiter auf seinen Röntgenbildschirm starrte. Irgend etwas wollte mir der fuchtelnde mitteilen, ich kam nur nicht drauf was. Irgendetwas sollte ich in den Rucksack legen, oder so. Vielleicht sollte ich das Messer dort besser verstecken? Schließlich sprach er von Geld, und da wurde mir klar, dass ich im Rucksack Geld hinterlegen sollte, damit er mir mein Messer nicht abnehmen würde. Da hätte ich ja auch früher draufkommen können, dass er Bestechungsgeld lukrieren wollte. Ich legte also eine Einhundert-Shilling-Note neben das Messer, er warf noch einmal einen Blick in den Rucksack, nahm die Banknote, sah sie kurz an, legte sie zurück und meinte bloß, dass er und sein Kollege aber zu zweit wären, wobei er mir den Rucksack wieder unter die Nase hielt. Ich legte also eine zweite Hundert-Shilling-Note dazu, abermals inspizierte er den Rucksack fischte das Geld heraus und deutete mir, nun zufrieden, dass ich weiter gehen könne. Nun hatte ich es tatsächlich geschafft, ging auf den Bahnsteig und suchte mir meinen ausgewiesenen Waggon und Sitzplatz.

Wenige Minuten, nachdem ich meinen Platz gefunden hatte, fuhr der Zug auch bereits pünktlich ab. Die Bahnstrecke verläuft parallel zur Hauptstraße von Nairobi nach Mombasa und so verließ der Zug Nairobi in südöstlicher Richtung und fuhr über die Hochebene alsbald am Kletterfelsen Lukenya vorbei. Die Plätze um mich herum wurden von einer Gruppe junger Filmer und Fotografen besetzt, mit denen ich alsbald ins Gespräch kam. Sie waren auf dem Weg zu einem Seminar in Mombasa. Einer davon war außerdem ein evangelischer Pastor und verwickelte mich sogleich in eine Glaubensdiskussion. Diese verlief interessant, bis sich vom Sitz gegenüber ein Zeuge Jehovas einschaltete. Danach fand sie alsbald wegen Sinnlosigkeit ein Ende. Das Gespräch drehte sich nun um kenianische Volksstämme und ihre Kulturen, die kenianische Küche, die Schönheiten des Landes, die Problematik der massiven chinesischen Investitionen in Kenia und den Verlauf meiner bisherigen Reise. So ging es kurzweilig durch die zunehmend trockener werdende Savanne. Der Zug durchfuhr den Tsavo-Nationalpark mit seinen roten Erden, und ich bekam auch einige der berühmten roten Elefanten zu Gesicht, welche sich ungerührt neben der Bahnstrecke im Strauchwerk tummelten.

Tuktukfahrt

Interessant fand ich, dass im Zug nun sehr wohl Bier verkauft wurde, obwohl das Mitnehmen von Alkohol nicht erlaubt war. Die Landschaft wurde immer flacher und verwandelte sich zunehmend in Wüstenlandschaft. Erst kurz vor Mombasa begann es wieder grün zu werden und plötzlich wuchsen überall Palmen. Das Thermometer zeigte eine Außentemperatur von 34 Grad Celsius an. Schließlich erreichten wir mit einer Stunde Verspätung, wobei mir nicht klar war, wo der Zug diese aufgerissen hatte, Mombasa Terminus, den Zugendbahnhof, der sich ebenso wie jener in Nairobi weit außerhalb der Stadt befand. Von hier wollte ich ein Tuk-Tuk in die Stadt nehmen. Da diese im Bahnhofsgelände nicht erlaubt sind, musste ich ein paar hundert Meter zu Fuß gehen. Vor der Einfahrt standen dann aber auch gleich zwei Tuk-Tuks, wobei mir einer der Fahrer gleich entgegen kam und sich mir anbot. Ich sagte ihm, dass ich nach Mombasa zur Fähre wolle, über die man die auf einer Insel gelegene Stadt Richtung Süden verlassen konnte. Nach einem kurzen Gespräch mit dem Fahrer des zweiten Tuk-Tuks fragte er mich, ob es für mich okay wäre, wenn wir dessen Gefährt abschleppen würden, denn es habe einen Defekt. Also schleppten wir das andere Tuk-Tuk am Weg in die Stadt hinter uns her, bis mein Fahrer, der sich als John vorstellte, das zweite Tuk-Tuk plötzlich am Straßenrand anhaltend einem anderen Tuk-Tuk zum weiteren Abschleppen übergab. Von nun an ging es ein wenig zügiger voran und alsbald über eine Brücke nach Mombasa hinein. Mombasa ist im Gegensatz zu Nairobi heißer, chaotischer, schmutziger, stinkiger und ärmer – eine Hafenstadt, wie man sie sich vorstellt. Nur der Verkehr läuft trotz des herrschenden Chaos‘ flüssiger als in Nairobi. Außerdem ist die Stadt – wie die gesamte Küstenregion – deutlich islamischer geprägt als das Landesinnere. Zahlreich sieht man hier mehr oder weniger verschleierte Frauen, bärtige, Käppchen tragende Männer und Moscheen. Ich wollte mich jedoch nicht in der Stadt aufhalten, sondern so schnell wie möglich nach Diani Beach an den Strand kommen.

John hatte mir angeboten, mich zu einem akzeptablen Preis direkt nach Dinai Beach zu bringen, und da mir der Gedanke einer ausgiebigen Tuk-Tuk-Fahrt gefiel, hatte ich zugesagt. So brachte er mich also zur Fähre, wobei uns kurz davor ein Polizist aufhielt und mit John auf Swahili zu diskutieren anfing. John verließ das Tuk-Tuk, kam nach kurzer Zeit wieder, holte Geld aus einem Fach am Armaturenbrett, verschwand wieder und kam nach einigen Minuten wieder. Ich fragte nach, was los sei und er erklärte mir, der Polizist wollte Geld, weil er einen Weißen transportiere. Der Gesetzeshüter hatte richtigerweise angenommen, dass John mich gleich bis nach Diani bringen würde, was dieser aber verneint hatte, um das zu bezahlende Bakschisch gering zu halten. Nun sei alles wieder bestens, meinte John, und wir setzten unsere Fahrt fort. Wir fuhren auf die Fähre, welche Mombasa Island mit dem südlichen Festland verbindet. Ich fragte John, warum es hier keine Brücke gäbe, wo die Meerenge doch nicht mehr als 200 Meter breit ist. Er erklärte mir, dass es die Einfahrt in den Hafen von Mombasa sei, weswegen hier die großen Containerschiffe durchfahren müssten.

Mombasa-Fähre

Am anderen Ufer wurde die Umgebung rasch ruraler und wir fuhren zwischen Kokospalmhainen, grünen Wiesen und Feldern hindurch, während mir John stolz von seinen eineinhalbjährigen Zwillingssöhnen erzählte. Schließlich erreichten wir den Ort Ukunda, wo die Straße zum Strand abbog. Nach wenigen Kilometern kamen wir nach Diani, was sich anhand vermehrter touristischer Infrastruktur bemerkbar machte. Hotels, Lodges, Restaurants, Bars, Souvenirstände, Banken und Supermärkte säumten hier die Straße. Wir erreichten Diani Marine, wo ich ein Zimmer gebucht hatte. Das Einfahrtstor mit dem Logo aus drei Delfinen wurde uns geöffnet, ich verabschiedete mich von John und wurde an der Rezeption sogleich mit einer Kokosnuss zum Trinken herzlichst begrüßt. Man zeigte mir mein Zimmer und die Anlage, und ich fand mich im Paradies wieder. Die Zimmer waren um einen mit Pflanzen bewachsenen Innenhof mit orientalisch anmutenden Sitzecken angeordnet. Dahinter erstreckte sich der weitläufige Garten mit Kokospalmen, einem Pool und Poolbar sowie einem großen, offenen Frühstückspavillon. Zum Meer mit endlos scheinendem, weißen Sandstrand waren es etwa 150 Meter weit.

Ich bezog mein Zimmer und bestellte sogleich ein Bier an der Poolbar. Die fröhliche, schon etwas ältere Bardame, stellte sich als Margarita vor und fragte, woher ich komme. Als ich antwortete: „Aus Österreich“, meinte sie: „Ach ja, wie Wolfgang Ambros.“ Ich glaubte, meinen Ohren nicht zu trauen. Woher sie denn Wolfgang Ambros kenne, fragte ich, worauf sie nur meinte, dass der doch ein Haus gleich nebenan besitze.

Ich verbrachte den Rest des Tages damit, im Pool und Meer zu planschen, an der Poolbar mit Margarita zu tratschen und schließlich in ein von ihr empfohlenes Restaurant, wo ich einen herrlichen „Fang des Tages“ bekam, Abend essen zu gehen. Das fühlte sich doch alles so an, als ob es sich hier die nächsten Tage ganz gut aushalten ließe.

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