Wolli im Wunderland. Tagebuch einer Indienreise #10

Teil 10: Ullal Beach, welcome!

17.09.2000

Die letzten Tage verbrachten wir in Bangalore. Es ist zwar mit offiziell knapp sechs Millionen Einwohnern noch größer als Chennai, im Vergleich dazu jedoch eine Wohltat. Bekannt als „Gartenstadt“ finden sich im chaotischen, lauten Zentrum zumindest einige Gärten die –  wie Oasen in einer Wüste Schutz vor der Trockenheit – Zuflucht vor dem Getöse des urbanen Wahnsinns bieten. Zudem ist Bangalore das Zentrum der Computer- und IT-Industrie Indiens und besitzt als solches einerseits eine relativ breite städtische Mittelschicht und andererseits die damit verbundene Infrastruktur. Das wiederum zieht Ausländer an, die sich gerne in der Stadt nieder lassen. Außerdem besitzt Bangalore durch seine Höhenlage von etwa 900 Metern am zentralen Dekkanplateau obgleich es am eigentlich tropischen 13. Breitengrad liegt, ein angenehmes, gemäßigtes Klima. So erstreckt sich dort zwar ein ebensolcher Moloch von einer Stadt wie Chennai an der tamilischen Küste, bietet aber einen interessanten Mix aus historischen Tempeln und Gebäuden, indischen Märkten, modernen, westlich inspirierten Stadtvierteln, Kulturinstitutionen, internationalen Restaurants, und eben ausgedehnten Parks, die wie grüne Lungenflügel inmitten der Stadt liegen, und in denen man in der Abenddämmerung Flughunde beobachten kann.

Cubbon Park Bangalore (via holidify.com)

Nichtsdestotrotz haben wir vorerst genug von indischen Großstädten und möchten wieder ans Meer – diesmal an die Westküste der Dekkanhalbinsel. Wir haben die letzten Tage also genutzt, um unsere weitere Reiseroute zu besprechen und sind übereingekommen, nach Mangalore zu fahren. Mangalore ist eine Küstenstadt am arabischen Meer und liegt in etwa auf gleicher geografischer Höhe wie Bangalore 300 km weiter westlich. Es hat deutlich weniger als eine halbe Million Einwohner und ist damit für indische Verhältnisse keine sonderlich große Stadt. Außerdem liegt es nur etwa 20 Kilometer nördlich der Grenze von Karnataka zu Kerala, dem südwestlichsten indischen Bundesstaat, wo es herrliche Strände geben soll. Diesmal nehmen wir den Bus von Bangalore nach Mangalore und dort angekommen werden wir einfach sehen, wohin es uns weiter verschlägt.

Wir haben uns extra für eine Fahrt während des Tages entschlossen, um auch etwas von der Landschaft mitzubekommen. Die Fahrtzeit beträgt gut acht (!) Stunden, man dürfte also reichlich Zeit haben, die Landschaft zu bewundern. Bei einer Firma mit dem fröhlich klingenden Namen Ganesh Tours and Travel (www.ganeshbus.in) haben wir Tickets für einen Bus um 10 Uhr vormittags gebucht. Das Busterminal befindet sich in der Nähe des City Markets von Bangalore, einem typisch indischen, also chaotischen, lauten und massiv überbevölkerten Viertel im Zentrum, in dessen Umgebung besonders viele Moslems leben, und also viele Moscheen zu bewundern sind. Eine Rikscha bringt uns zum Busbahnhof. Dort erwartet uns ein weißer, relativ vertrauenserweckend wirkender Bus auf dessen Seiten in großen blauen Lettern das Wort „Ganesh“ prangt, daneben ein großer, in buntesten Farben handgemalter Ganesh, der im Schneidersitz am Boden sitzt und sich genüsslich ein Laddu in den Mund schiebt. Zwei Männer in typischer, khakibrauner Uniform sind gerade dabei, alle möglichen Gepäckstücke, die meisten davon in weißen Stoff eingenäht, auf den Dachträger des Busses zu hieven. Einer davon nimmt unsere Fahrkarten entgegen, während der andere am Dach des Busses damit beschäftigt ist, Gepäckstücke mit einem langen Seil zu fixieren. Ersterer gibt uns zu verstehen, dass unsere Tramperrucksäcke auch auf dem Dach untergebracht werden müssen.

„Na, hoffentlich kommen die dann auch an“, meine ich zu Hans, „sehr vertrauenserweckend sieht das ja nicht aus, was der da oben macht“, wobei ich meinen Blick auf den Mann in Khaki am Busdach richte, der schwitzend nach wie vor versucht, das Gepäck ordentlich zu verzurren. „Na ja, jedenfalls sollten wir alles Wesentliche mit in den Bus nehmen“, entgegnet Hans, „der sieht nämlich  eigentlich ganz nett aus mit dem Elefantengott drauf, findest nicht?“ „Ja, da gibts definitiv Schlimmere, und hoffentlich beschützt er uns auch brav, der Ganesh.“ Also packen wir noch einmal ein wenig um, sodass wir alles Wichtige in unseren Tagesrucksäcken haben. Kurz darauf verschwinden unsere Tramperrucksäcke unter dem Stöhnen des einen bäuchigen Khakimanns, der sie dem anderen nach oben aufs Busdach reicht und offensichtlich von ihrem Gewicht überrascht wird, unter den anderen Gepäckstücken am Dachträger.

Ausblick aus dem Bus (via phosgrafi.in)

Kurz darauf geht es – überraschenderweise einigermaßen pünktlich – los. Nach gut einer halben Stunde hat der Bus das ärgste großstädtische Chaos hinter sich gelassen und rumpelt durch die Vororte. Wenig später geht es zügig über die von Reisfeldern, Wiesen und Kokospalmhainen  bedeckte Dekkanebene. Zwischen den Feldern und Wiesen ragen immer wieder monolithische Granithügel, viele davon von kleinen Tempeln gekrönt, empor. Ein besonders beeindruckender davon, an dem wir vorbei kommen, ist der Savandurga Hill, von dem es heißt, er sei einer der größten monolithischen Hügel Asiens. Nach mehreren Stunden beginnt die Straße deutlich schlechter zu werden und sich in immer mehr Kurven stetig in die Westghats hoch zu winden. Die Fahrt wird langsamer und holpriger. Die Vegetation ändert sich zu immer dichterem, in unzähligen Grüntönen strahlendem Laubwald, der bis auf die höchsten uns umgebenden Berggipfel reicht. Spontan überkommt es Hans und mich und wir beschließen, in den nächsten Tagen in dieser überbordenden Natur etwas wandern zu gehen. Doch zunächst noch ein bisschen ans Meer. Nachdem es auf der anderen Seite noch abenteuerlicher als es vom Dekkanhochland her in die Westghats hinauf ging, wieder steil zur Küste hin abfällt, kommen wir schließlich mit lediglich einer dreiviertel Stunde Verspätung am Abend in Mangalore an.

Westghats (via de.wikipedia.org/wiki/Westghats)

Am Busbahnhof suchen wir uns einen Rikschafahrer, der uns „zum nächsten Strand“ bringen soll, wie wir ihm mitteilen. „Ah Ullal Beach!“, meint der kleine, rundliche Mann überschwänglich. „It´s not farr away. I´ll brring yu!“, erhöht er motiviert unsere Vorfreude. Da wir nicht wissen, wie weit es wirklich sein kann und einfach nur an einen feinen Strand wollen, geben wir uns auch alsbald mit seinem finanziellen Angebot für den Transport zufrieden. So also zwängen wir uns in der bereits gut eingeübten Art und Weise mit unserem ganzen Gepäck in die Rikscha und los geht’s zum Strand. Nach nicht allzu langer Fahrt kommen wir in einem kleinen, unscheinbaren von dichtem Wald umgebenen Örtchen an. „Ullal Beach, welcome!“, strahlt uns der Fahrer an, hilft uns, die Rucksäcke zu entladen, nimmt sein Geld und verschwindet. Mittlerweile ist es dunkel geworden. Wir erkennen im Schein der wenigen Straßenlaternen einige kleine, Ziegelhäuschen entlang der Straße ebenso wie die üblichen Kühe, streunenden Hunde und – nur ganz vereinzelt – ein paar Menschen, die aber keinerlei Notiz von uns zu nehmen scheinen. Was für eine Wohltat nach den großstädtischen Menschenmassen der letzten Tage. Nur, wo es hier einen Strand geben soll, bleibt unklar. Aufgrund der Dunkelheit und der Müdigkeit nach der langen Reise beschließen wir jedoch einhellig, uns darüber zunächst einmal keine Gedanken zu machen, sondern ein Quartier für die Nacht zu suchen. Wir schlendern die Straße entlang und kommen zu einer Kreuzung, an der ein Feldweg die geschotterte Hauptstraße des Ortes kreuzt. Direkt an der Kreuzung überragt ein dreigeschoßiger Betonbau die kleinen umliegenden Häuschen. Über seinem Vordach prangt ein Schild, das ihn in verwitterten Lettern als „Hotel Paris“ ausweist. Also nichts, wie hinein spaziert!

Savandurga Hill (via interludejourney.com)

Im düster erleuchteten, großen Vorraum – von einer „Hotellobby“ zu sprechen, wäre stark übertrieben – steht in einer Ecke ein großer, von einer grünen, altmodischen Schreibtischlampe erhellter Schreibtisch. Dahinter sitzt ein Inder mittleren Alters, der in einem Buch liest. Wir nähern uns, und als er unserer gewahr wird, begrüßt er uns mit einem strahlenden Zahnpastalächeln. Sein Haar ist akkurat wie mit einer Rasierklinge gescheitelt und ordentlich eingeölt. Sein Schnauzer penibelst gestutzt. Sein Hemd wirkt wie frisch gebügelt und eben erst angezogen. „How can I help you?“, fragt er in überraschend schwach akzentuiertem Englisch. Natürlich hat er ein Zimmer für uns frei, das sich bei genauerer Betrachtung als klein aber fein und vor allem überraschend sauber heraus stellt. Wir checken ein, und der gepflegte Mann von der Rezeption stellt sich als Ranesh vor: „Ranesh is another name for God Shiva in his meaning of ‚Lord of Battle‘. I come from Kerala but live here for already seven years“. Überraschenderweise belässt er es dabei, sich selbst vorzustellen, und fragt uns nicht sofort, wie sonst hier üblich, nach unseren Namen, unserer Herkunft, unserem Beruf und unserem Familienstand, was wir wohlwollend zur Kenntnis nehmen. Dafür bietet er uns noch ein Abendessen an, da wir doch hungrig sein müssten, womit er den Nagel voll auf den Kopf trifft. Also bekommen wir ein wunderbares Thali serviert, für das wir alsdann sensationelle 39 Rupien zahlen – für beide wohlgemerkt. Erschöpft von den vielen Eindrücken des Tages gehen wir bald darauf ins Zimmer und ein weiteres mal falle ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

 


Glossar

  • Ganesh – hinduistischer elefantenköpfiger Gott, zuständig u.a. für Glück, Gott der Händler, verkörpert Weisheit und Intelligenz
  • Karnataka – südindischer Bundesstaat mit der Hauptstadt Bangalore
  • Kerala – der südwestlichste Bundesstaat Indiens
  • Laddu – indische Süßspeise in Kugelform, wird in der hinduistischen Ikonografie traditionell von Ganesh gegessen
  • Rikscha – Kleintaxi für 2 bis 3 Personen. Es gibt Rikschas, die von Hand gezogen werden, Fahrradrickschas oder dreirädrige Rickschas mit Zweitakt-Ottomotor.
  • Rupie(n) – indische Währung, 1 € entspricht im Jahr 2000 etwa 50 Rupien
  • Shiva – eine der drei hinduistischen Hauptgottheiten
  • Thali – indisches Gericht aus Reis und mehreren regional unterschiedlichen weiteren Bestandteilen zumeist Soßen und Chutneys, oft als Tagesmenü in Restaurants angeboten
  • Westghats – Gebirgszug am westlichen Rand des Dekkanplateaus, der dieses zum arabischen Meer hin abgrenzt

Ich heiße Wolfram, aber meine Freunde nennen mich Wolli. Im Jahr 2000 reiste ich das erste Mal nach Indien. Mein treuer Reisepartner war mein bester Freund Hans. Gemeinsam entflohen wir einer tiefgreifenden Existenzkrise, die uns damals in Österreich erfasst hatte. Es war meine erste große Auslandsreise, die mich über die Grenzen Europas hinaus brachte. Als solche war der Trip für mich eine unglaubliche Horizonterweiterung und Bereicherung, der eine bis heute andauernde Liebe zu diesem Land, in dem es nichts gibt, was es nicht gibt, entfachte. Hiermit möchte ich Euch, werte LeserInnen, in Form meines Tagebuches an dieser spannenden und ereignisreichen Reise teilhaben lassen.

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