Schöne Grüße vom Verführer

Heute ist Sir Michael Caine auf die Rolle als in Ehren ergrauter Gentleman abonniert (wie Alfred in der Dark-Knight-Trilogie), aber den Grundstein für seine Weltkarriere legte er als unverbesserlicher Frauenheld und unwiderstehlicher Verführer Alfie Elkins. Nach „Alfie“ 1966 war klar: Der Mann ist ein Star. Aber wer ist dieser Alfie eigentlich und warum sollte uns interessieren, was er (buchstäblich) so treibt? Alfie lebt im Swinging London der 60er Jahre, jobbt als Chauffeur, gehört mit seinem breiten Cockney-Akzent unverkennbar der Arbeiterklasse an und will vor allem mit Frauen Spaß haben, ohne sich auf irgendwas festzulegen. Sein Liebesleben ist wie ein Roulette, das sich nie aufhört zu drehen und bei dem er auf alle Zahlen setzt.

Alfie genießt das Leben (via 4.bp.blogspot.com)

Von Anfang an erklärt uns der Weiberheld offenherzig seine Sicht der Dinge und vor allem des schönen Geschlechts. Wer sein Frauenbild „problematisch“ nennt, sagt wahrscheinlich auch, die Titanic hatte bei ihrer Fahrt „eine kleine Panne“. So spricht Alfie von Frauen grundsätzlich nur als „Birds“ (also Tussis, Bräute, Miezen usw.) und dementsprechend in der Es-Form. Das tut vermutlich nicht nur mir als männlichem Feministen beim Zuschauen fast körperlich weh. Und es ist umso schmerzhafter, weil dieser Alfie eigentlich ein charmanter, lässiger Typ ist, der niemandem etwas Böses will und einfach seinen Spaß haben möchte. Damals konnte man sich ja noch durch eine Großstadt vögeln, ohne Angst vor tödlichen Krankheiten haben zu müssen.

Aber auch ohne HIV bleibt Alfies Lebensstil nicht ohne Konsequenzen – weder für die Frauen noch für ihn selbst. Auch wenn der gefühlskalte Klotz Bindungen meidet wie der Beelzebub Weihwasser on the Rocks, muss er irgendwann feststellen: Wenn sie dich nicht auf die eine Art kriegen, dann eben auf die andere.

In Alfies Fall wird seine Standby-Freundin Gilda schwanger und zu unserem und seinem eigenen Erstaunen entpuppt sich Alfie als durchaus liebevoller Vater. Aber eben auch als die Art Vater, die Männer am liebsten sind: Zu Stelle, wenn es darum geht, mit dem Kleinen Spaß zu haben und Blödsinn zu machen und aus dem Staub, sobald es mühsam wird. Und Gilda ist zwar mit einer Hundeliebe für Alfie geschlagen, aber einen solchen Schönwetter-Dad kann sie dann doch nicht brauchen. Und da gibt es ja noch den Busfahrer, der ihr ohnehin schon die ganze Zeit hinterherdackelt.

Wer könnte diesem Schlafzimmerblick widerstehen? (via images2.fanpop.com)

Jetzt ist es keineswegs so, dass der Film ein großes Drama aus diesem Beziehungsdreieck macht. Das ist Alfies Geschichte, nicht Gildas, und Drama liegt Alfie ganz und gar nicht. Aber die Beziehung zu seinem Sohn und was sie mit ihm macht, war für mich das Interessanteste an einem ohnehin vielschichtigen Charakter und hat für einige herzzerreißende Momente gesorgt. Der Film basiert auf einem Theaterstück und das merkt man nicht nur an Alfies komplexer Persönlichkeit, sondern auch an der Art, wie er sich immer wieder direkt an das Publikum wendet, um monologisierend seine Sicht der Welt zu erklären. Der Kniff kommt euch bekannt vor? Kein Wunder. John Hughes dürfte sich bei seinem Teenie-Klassiker „Ferris macht blau“ von Alfie inspirieren haben lassen, zumal Ferris Bueller mit seiner lockeren Einstellung zum Leben wie eine jugend- und sexismusfreie Version von Alfie wirkt.

Wäre Alfie ein schlechterer Film, würde er das Leben seines (Anti-)Helden entweder glorifizieren oder verteufeln. Stattdessen lässt er die Moralkeule stecken und zeigt einfach konsequent das Leben eines ungenierten Schürzenjägers mit allen Konsequenzen. Ich selbst tu mir schwer damit, diesen Alfie Elkins zu bewerten. Einerseits ist er ein Schuft, den ich keiner Frau an den Hals wünsche. Andererseits finde ich ihn sympathisch. Kein Wunder: Michael Caine verströmt in der Rolle so viel Charme, dass nicht nur die Frauenwelt, sondern auch das Publikum ihm hoffnungslos verfällt. Und wenn er sagt, dass er niemandem wehtun will, nehme ich ihm das ab. Das Problem ist halt: Er tut es trotzdem. Weil er ein hoffnungsloser Egozentriker ist und durchs Leben geht, als wären alle anderen bloß NPCs in einem Computerspiel. Sensibel ist Alfie nur, wenn es um die eigene Gesundheit geht. Er pfeift auf die spießbürgerliche Moral, was ich gut finde, aber mindestens an einer Stelle geht er viel zu weit – mit schlimmen Konsequenzen. Mehr will ich gar nicht dazu sagen, denn die betreffende Szene erlebt man am besten so unvorbereitet wie ich. Dann knallt sie so rein, wie sie soll.

Als Nächstes auf der Watchlist: Das Remake mit Jude Law als Alfie (via pinterest.at)

Wie jedes interessante Kunstwerk kann Alfie auf verschiedene Weisen rezipiert werden: Als Charakter- und Milieustudie, als Zeitdokument, als schauspielerischer Parforceritt, als 60er-Sexkomödie oder als schonungslose Ausleuchtung von Glanz und Elend des männlichen Egos und zwischenmenschlicher Beziehungen. Ich will nicht behaupten, dass Alfie das größte Meisterwerk der Filmgeschichte ist. Aber für mich war es genau der richtige Film zur richtigen Zeit. Alfie Elkins hat mich mit Charme und Witz verführt, zum Lachen und zum Nachdenken gebracht und mir 2 unvergessliche Stunden beschert. Was will man mehr von einem Mann?

„Alfie“ bzw. „Der Verführer lässt schön grüßen“, wie der sympathisch-dämliche deutsche Titel lautet, gibt es u. a. bei Amazon Prime und bei diversen Streamingdiensten zu sehen.

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