Montag, Dezember 6, 2021
Diary

Gorogoa

Jetzt ist es schon wieder passiert: Nach The Bridge, Old Man‘s Journey und The Gardens Between hat mich das nächste wortlose Denkspiel mit ungewöhnlicher Mechanik an den Monitor gefesselt. Gorogoa ist aber auch wirklich was Besonderes.

Zum einen ist es poetisch und einfach wunderschön. Ich kann nicht behaupten, dass ich die übergreifende Handlung, bei der ein Junge in einer scheinbar vom Krieg zerstörten Stadt einen Korb mit Farben zusammensammeln muss (oder so) richtig durchdrungen hätte, dazu hab ich zu fragmentiert gespielt und dazu verquirlt das Spiel verschiedene Zeit- und Bewusstseinsebenen ärger als das Kind von Inception und Memento, aber es hat mich auf jeden Fall berührt und ist von einem Gefühl der Melancholie durchzogen, ohne je wirklich trist zu werden.

Dafür sorgt schon die wunderschöne und stilvolle Grafik im Graphic-Novel-Stil. Die präsentiert sich mit in der Regel drei oder vier Panels wie eine Comicseite. Der Clou ist aber, dass diese Bilder manipuliert werden können bzw. müssen, um im Spiel voranzukommen. Die einzelnen Panels stellen dabei auf den ersten Blick ganz unterschiedliche Szenen dar, aber durch Reinzoomen, Verschieben und Übereinanderlegen können neue Verbindungen zwischen ihnen geschaffen und dadurch neue Wege aufgemacht werden. Ein fiktives Beispiel, um kein Rätsel zu spoilern: Angenommen, wir wollen einen Jungen im Bild einer Burg links in das Bild einer Stadt rechts befördern. Dann könnten wir einzelne Details beider Bilder so heranzoomen und verschieben, dass sie plötzlich zusammenpassen und eine Brücke ergeben, über die der Junge dann gehen kann. Und wenn wir wieder herauszoomen, ist er dann plötzlich in der Stadt.

Was könnte hier der Zusammenhang sein? (via gorogoa.com)

Aber keine Sorge, die Rätsel in Gorogoa sind lange nicht so primitiv wie mein mühsam herbeifabuliertes Beispiel. Designer Jason Robarts, der Gorogoa im Alleingang gezeichnet und programmiert hat, hat sich ein paar ganz knifflige Denkaufgaben ausgedacht. Da muss öfter mal kräftig um die Ecke gedacht werden, etwa wenn es gilt, eine Uhr mit Elementen aus drei Einzelbildern auf die richtige Zeit einzustellen. Aber, und das ist dem Entwickler nicht hoch genug anzurechnen, sein Spiel ist nie frustrierend. Gorogoa ist verquer, aber immer fair und deshalb nicht schwer.

Hotspots, mit denen interagiert werden kann, werden immer angezeigt und sind in den Panels spärlich genug vorhanden, dass einen die Fülle der Möglichkeiten nicht erschlägt. Notfalls hilft also auch reines Ausprobieren weiter. Tatsächlich bin ich ab und zu mehr zufällig in eine Lösung gestolpert und hab mir erst im Nachhinein erschlossen, was gerade passiert ist. Aber das ist bei Gorogoa die Ausnahme. Zum Großteil kann man alles mit innovativem Denken lösen und sich danach herrlich clever vorkommen. Mich befiel beim Spielen ab und an das wunderbare Phänomen, das ich von Klassikern wie Monkey Island oder Indiana Jones kenne: Dass mich die Rätsel und Aufgaben des Spiels noch beschäftigen, wenn ich den PC bereits ausgemacht habe, und manchmal tatsächlich mit der Lösung einer Kopfnuss aufwache. Ich liebe es, wenn ein Spiel das schafft.

Auge auf! Hier geht’s weiter (via gorogoa.com)

Insgesamt habe ich 2 ½ Stunden gebraucht, um Gorogoa durchzuspielen. Damit ist das Spiel, das praktisch für alles erhältlich ist, was rechnen kann (Computer, Konsolen, Mobilgeräte) und völlig zu Recht mit Auszeichnungen überhäuft wurde, etwa so lang wie ein Kinofilm und mit Preisen zwischen 5 und 15 Euro je nach Plattform und Sale auch vergleichbar teuer. Klar, Gorogoa ist eher Programmkino als Blockbuster, aber wer auf stilvolle und originelle Denkaufgaben steht, wird damit seine oder ihre helle Freude haben.  

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